Witwer trauern einsam

Witwern fällt es oft besonders schwer, über ihre Gefühle zu sprechen. Symbolfoto: unsplash

Wenn die Ehefrau stirbt, verlieren ältere Männer oft nicht nur eine vertraute Person, sondern ihr soziales Netz. Viele können nur schwer über ihre Gefühle sprechen. Trauergruppen können helfen.


Es seien „brutale eineinhalb Jahre“ gewesen, sagt Alois Sauer aus dem unterfränkischen Landkreis Miltenberg über die erste Zeit nach dem Tod seiner Frau: „Ich wünsche niemanden, dass er das mitmachen muss.“ Der Verlust war für den heute 72-Jährigen kaum zu verwinden. Plötzlich sei er völlig alleine gewesen.


Sauer hat seit Jahren mit Tod und Sterben zu tun: In Miltenberg engagiert er sich für den Ökumenischen Hospizverein. Doch andere beim Sterben zu begleiten oder in ihrer Trauer zu trösten, ist etwas anderes, als selbst betroffen zu sein.
Schwieriges Sprechen über Gefühle


Sauers Frau starb im Juli 2023. Dadurch brach für den ehemaligen Bürgermeister eine Welt zusammen, wie er sagt. Erst habe er versucht, sich von der tiefen, emotional kaum fassbaren Trauer abzulenken: Er betrieb exzessiv Sport. Bis er schwer erkrankte und dadurch völlig auf sich zurückgeworfen wurde.


Seine eigene Situation brachte Sauer dazu, über den Umgang mit Witwern nachzudenken. Es gebe zwar eine Menge Trauerangebote, stellte er fest. Aber kaum welche speziell für Witwer. Männer, sagt er und schließt sich selbst mit ein, „lernten als Kinder nicht, Gefühle auszudrücken.“ Auf seine Initiative hin erweiterte der Hospizverein in Miltenberg darum sein Trauerangebot: Im Oktober zum Beispiel wird ein dreiteiliger Kochkurs für Witwer angeboten. Kaum angekündigt, sei er ausgebucht gewesen.


Inzwischen geht es Sauer besser, wie er sagt. Die Umstände erscheinen ihm wie ein Wunder: „Ich glaube, meine Frau hat vom Himmel herunter geguckt und gedacht, sie müsse meinem Elend ein Ende setzen.“ Durch einen Zufall begegnete er einer Frau, die seine neue Lebensgefährtin wurde. Beide waren zu einer Veranstaltung eingeladen, beide hatten eigentlich keine Lust hinzugehen. „Hätten wir uns an diesem Abend nicht kennengelernt und wären wir danach nicht zusammengekommen, ich glaube, ich wäre total versumpft“, sagt Sauer.


Bedeutung von Trauergruppen


Harald Gündel, Facharzt für Psychosomatische Medizin am Uniklinikum Ulm, hebt die Bedeutung von Trauergruppen hervor: „Es ist wichtig, dass Trauernde die Möglichkeit erhalten, andere Menschen um sich zu haben, sprechen zu können, dass sie nach dem Trauerfall nicht allein sind.“


Thomas Achenbach, Trauerbegleiter aus Osnabrück, ergänzt, gerade Männern könne es helfen, trauernd unter anderen Männern zu sein. Es sei kein Wunder, dass Kochgruppen für trauernde Männer so stark nachgefragt würden. Bei nicht wenigen Männern, sagt er, sterbe mit der Partnerin das komplette soziale Netzwerk: „Der Weg aus der Trauerhalle ist der Eintritt in die Einsamkeit.“


Zwei Mal eine Frau verloren


Klaus Dirschauer aus Bremen verlor vor Kurzem zum zweiten Mal eine Frau. Das erste Mal liege 33 Jahre zurück, erzählt der evangelische Theologe: „An meinem Geburtstag am 4. Juli 1993 wachte ich gegen sieben Uhr morgens in Prag neben meiner Frau Ingeborg auf, als sie starb.“ Auch er fand eine neue Lebensgefährtin, 1999 heiratete er sie. Eigentlich habe er mit seiner zweiten Frau seinen 90. Geburtstag feiern wollen. Doch dann erhielt sie eine Krebsdiagnose. Am 5. September starb sie.


Nicht nur als Theologe ist Dirschauer ein Experte in Sachen Trauer. Er bietet auch Trauerbegleitung an und schrieb einen „Trauer-Knigge“. Für Männer, sagt er, sei der Tod der Partnerin in vielen Fällen schlimmer als für Frauen: „Es ist, wie die Mutter zu verlieren.“ Damit meint er, dass Männer nicht nur jemanden Vertrautes verlören, sondern etwas essenziell Sorgendes.
Von seinem eigenen Verlust erholt er sich nur langsam, wie Dirschauer erzählt. Er ermutigt Witwer, offen von dem zu erzählen, was sie erlebt haben. Für ihn selbst sei dies der beste Weg, den Verlust akzeptieren zu lernen. Was nicht bedeute, ihn zu verwinden.


Auf und Ab in der Trauer


Werner Oppmann aus Margetshöchheim bei Würzburg verlor seine Frau vor einem Jahr, sie starb an Bauchfellkrebs. „Als sie noch lebte, sagte sie mir, dass ich mich unbedingt bei einer Trauergruppe anmelden soll“, erzählt der 72-Jährige. Als er dann beim Hospizverein anrief, wurde er gefragt, seit wann seine Frau tot sei. Erstaunt habe die Dame am anderen Ende der Leitung reagiert, als sie erfuhr, dass die Ehefrau noch lebte: „14 Tage nach ihrem Tod war ich dann erstmals in der Gruppe.“


„Trauern und trösten“ nennt sich das Angebot. Zwischen acht und zwölf Menschen kommen laut Oppmann zusammen: „Meist bin ich der einzige Mann.“ Er nehme auch am monatlichen Trauercafé teil: „Da traf ich noch nie andere Witwer.“ Einmal absolvierte er einen Kochkurs für Trauernde, ausschließlich mit Frauen: „Das macht mir allerdings nichts aus, ich bin Pfleger von Beruf, oft war ich früher allein mit lauter Frauen in der Schicht.“


Heute noch trauere er intensiv: „Es ist ein Auf und Ab, und zwar nicht von Tag zu Tag, sondern während eines einzelnen Tags.“ Täglich besucht der Rentner das Grab seiner Frau: „Manchmal auch zwei- oder dreimal, wenn ich mit dem Rad vorbeifahre, dann erzähle ich ihr kurz, was ich seit dem letzten Besuch erlebt und was ich als Nächstes vorhabe.“ Auf seinem Nachttisch sitzt ein Stoffengel, der seinen Platz früher auf dem Nachttisch seiner Frau hatte: „Sie sagte, das soll mein Andenken an sie sein.“

Von Pat Christ (epd)