Warum eine Redakteurin und Moderatorin Achtsamkeit als Praxis nicht verdammt – wohl aber eine Ideologie des Entspannens um jeden Preis, auch den der politischen Passivität.
Was für ein verführerischer Gedanke: Ich selbst bestimme, wie ich die Welt sehe bis in meine Gefühle hinein. Ob ich ihr z.B. in wütendem Ärger oder in lächelnder Gelassenheit begegne. Freitagnachmittag 15.30 Uhr, Hamburg Hauptbahnhof, Gleis 8. Hier fahren normalerweise die Züge nach Berlin ab. Doch heute – so lässt mich die freundliche Stimme aus dem Lautsprecher wissen – soll es mal Gleis 12 sein. Na ja, nicht so schlimm. Aber die Rolltreppe ist kaputt und ich muss meinen Koffer treppauf treppab über überfüllte Bahnsteige zu Gleis 12 schleppen. Dort erfahre ich, dass mein Zug „voraussichtlich“ 30 Minuten Verspätung hat. Stehend – denn die wenigen Bänke sind längst besetzt – warte ich. Schließlich rollt der Zug ein. Früher gab es mal Wagenstandsanzeiger, aber die wurden längst abgeschafft, weil die Bahn – kurz vor Einlaufen des Zuges – selbst nicht mehr weiß, welcher Wagen in welchem Abschnitt hält. Unterwegs gibt es mehrere außerplanmäßige Halte. Dem Zugführer, der jedes Mal die Fahrgäste über die voraussichtliche Dauer des Halts inclusive Begründung informiert, ist seine Genervtheit anzumerken – trotz Gelassenheitstraining, das jeder Bahnbeamte, der mit Kunden zu tun hat, absolvieren muss. Schlussendlich lande ich mit eineinhalbstündiger Verspätung am Berliner Hauptbahnhof. Weil dort die S-Bahn nicht funktioniert, geht es weiter mit dem Schienenersatzverkehr, der allerdings lange auf sich warten lässt …
„Ja, es ist zum Ausflippen!”
Ja, es ist zum Ausflippen! – Aber Nein! Warum denn? Ist es nicht viel besser, leichter und zielführender, nicht immer auf das zu schauen, was die Welt – in diesem Falle die Verspätung der Bahn – mir zumutet und mir nimmt, sondern die Geschichte umzudrehen und auf das zu schauen, was ich durch dies Ungemach gewinne? „Danke für die Verspätung“ titelte die SZ in diesem Sinne und gab ihren Lesern Tipps, wie man den Ärger über das permanente Desaster der Bahn in vielfältige Lernanlässe für mehr Gelassenheit transformieren könne. Statt genervt auf die Anzeigentafel zu starren in der Hoffnung, dass sich dort endlich mal was bewegt, könnte ich auch in Ausübung bewusster Achtsamkeit das beeindruckende Jugendstildach des Bahnhofs betrachten, das ich noch nie wirklich wahrgenommen habe. Oder ich könnte mich – dem tosenden Bahnhofslärm zum Trotz – in einen Zustand innerer Stille und Selbstvergessenheit versetzen, wie ich es in diversen Achtsamkeits- und Meditations- kursen, an denen ich im Lauf der Jahre und Jahrzehnte immer wieder mal teilnahm, gelernt habe. Was aber ist es, was sich in mir querstellt, diesem Vorschlag, der mir doch das Leben so viel leichter machen könnte, zu folgen?
Auf diese Frage gibt das jüngst im Hanser Verlag erschienene Buch „Achtsam geht die Welt zugrunde“ Antwort. Autorin ist die Flensburger Redakteurin und Moderatorin Kathrin Fischer, die sich in ihrem Text sehr kenntnisreich, sprachlich äußerst präzise und humorvoll mit der Frage befasst, worin der Achtsamkeitsboom, den wir seit den Neunziger Jahren erleben, begründet ist und wie dieser einzuschätzen und politisch zu verorten sei.
2024 wurden rund 10 Milliarden US-Dollar in der Achtsamkeitsbranche umgesetzt
Weltweit wurden im Jahr 2024 rund 10 Milliarden US-Dollar in der Achtsamkeits- und Meditationsbranche umgesetzt – Tendenz steigend. Die Ursachen hierfür, so Kathrin Fischer, liegen in der zunehmenden Überforderung, Erschöpfung und den wachsenden Zukunftsängsten der Menschen. Ja, wir wissen und spüren es alle: Die Welt ist komplexer, schwieriger, anstrengender geworden. Doch wie dem begegnen? Zu dieser Frage lud das Kulturcafé Hadleys im Juni zu einer Veranstaltung ein, in der Kathrin Fischer ihr Buch vorstellte und zu den entscheidenden Fragen ebenso locker wie klar Stellung bezog:
„Ich bin zornig mit dem Thema und gleichzeitig tut mir Qigong sehr gut!“
Hiermit benennt sie den entscheidenden Punkt: nämlich den Unterschied zwischen Achtsamkeit als Politischer Ideologie einerseits und Achtsamkeit als Individueller Praxis andererseits. Gegen letzteres hat sie nichts einzuwenden, wohl aber dagegen, Achtsamkeit als gesellschaftliche Ideologie zu missbrauchen, indem politische Probleme individualisiert werden, was wiederum zu einer Schwächung kollektiven Handelns führt.
Die Krise der Bahn ist nicht vom Himmel gefallen, sondern Folge politischer Entscheidungen
„Die Tatsache, dass die Bahn nicht kommt, ist ein Sinnbild für die Unsicherheit des Lebens“, so Kathrin Fischer. Aber die Krise der Bahn ist nicht vom Himmel gefallen, sondern sie ist Ausdruck und Folge politischer Entscheidungen. Ebenso wie die großen Schwierigkeiten, in der heutigen Zeit in Hamburg überhaupt eine Wohnung zu finden oder einen Facharzttermin zu bekommen.
Achtsamkeit als Ideologie sagt: Die Welt ist wie sie ist. Schau nach innen. Entspanne Dich! Und lerne, die Welt zu nehmen wie sie ist. Du kannst sie eh nicht ändern! Also lerne, mit ihr zurechtzukommen!
Achtsamkeit als Praxis sagt: Sei achtsam und stärke damit deine Resilienz, damit Du die Welt verändern kannst und die Kraft zu politischem Handeln gewinnst!
Mit ihrer Rede und ihrem Text ist Kathrin Fischer etwas wirklich Gutes gelungen: ein überzeugendes Plädoyer für politisches Denken und Handeln.
Martina de Ridder
Kathrin Fischer: „Achtsam geht die Welt zugrunde – Wie die Ideologie der Achtsamkeit gesellschaftlichen Wandel blockiert“, Hanserblau Verlag, 1. Auflage 2026, 256 Seiten, 22 Euro.
