„Lieber mit Adlern irren, als
mit Würmern recht haben“

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Aby Warburg – ein legendärer Mythos in der Kunstgeschichte. Jetzt hat Hans Christian Hönes eine neue Biographie vorgelegt, in deren Mittelpunkt nicht Warburgs wissenschaftliche Verdienste stehen, sondern seine Schwierigkeiten mit sich selbst samt der vielen Momente seines Scheiterns.

Bereits in der Kindheit hatte sich seine innere und äußere Instabilität angebahnt: „Er war ein normales, hübsches Kind, das aber in Folge einer dummen Wärterin, einer unerfahrenen Mutter und eines alten Arztes viel zu lange eine ungenügende Amme hatte und dabei ganz herunterkam“, schrieb seine Mutter Charlotte Warburg rückblickend in der Familienchronik. Mit dieser Szene beginnt Hans Christian Hönes seine umfassende Biografie „Aby Warburg. Der Mann hinter dem Mythos“.
Hönes lehrt seit 2020 Kunstgeschichte an der Universität von Aberdeen. „Mir geht es darum, die Schwierigkeiten in Warburgs Leben nicht wegzudenken, sondern die Momente des Scheiterns und der Friktionen ernst zu nehmen“, erklärte Hönes bei der Vorstellung seines Buches im Hamburger Warburg-Haus.


Und an Schwierigkeiten und Friktionen mangelt es in Warburgs Leben nicht. Von Kindheit an machen ihm Stimmungsschwankungen und schwache Konstitution zu schaffen. Als 13-Jähriger verzichtet der Spross einer außerordentlich wohlhabenden Familie auf seinen Erbanteil am Warburg-Bankhaus unter der Bedingung, dass sein jüngerer Bruder ihm zeitlebens alle Bücher kauft, die er haben möchte. Aby Warburg bleibt lebenslang finanziell abhängig von der Familie. Psychische Krankheiten machen ihn oft für längere Perioden arbeitsunfähig.

Psychische Krankheiten begleiten sein Leben


Die Jahre um 1900 gelten vor dem Hintergrund raschen technischen Wandels als nervöses Zeitalter einer erschöpften und überstimulierten Gesellschaft. Das Krankheitsbild Neurasthenie ist en vogue und wird auch bei Warburg diagnostiziert. Dazu kommen bei ihm eine ausgeprägte Pathophobie – die krankhafte Angst vor körperlichen Erkrankungen –, ein ihn oft lähmender Hang zum Perfektionismus und körperliche Krankheiten wie Heufieber und Diabetes. Viele Sanatorienaufenthalte sind die Folge.
„Wenn er einmal eine volle Woche ohne Unterbrechung arbeiten konnte, war dies ein großer und erwähnenswerter Erfolg“, so Hönes.

Zugleich formuliert Warburg das bemerkenswerte Credo „Ich will lieber mit den Adlern irren, als mit den Würmern recht haben“. Gleichwohl plagt ihn ein ausgeprägtes Minderwertigkeitsgefühl, eine tiefe Enttäuschung über seinen eigenen Lebensweg.
In Tagebucheinträgen findet sich immer wieder das Kürzel W.W.W.: „Was wird werden?“ Er hat Angst vor Entscheidungen, die beruflichen Perspektiven des Kunsthistorikers sind prekär. Angebote lehnt er aber ab. Sein Neid auf Erfolgreiche wächst, er steigert sich zeitweise sogar in einen akademischen Verfolgungswahn und entwickelt Hass auf mit ihm befreundete Kollegen.
Der Familienarzt Heinrich Emden charakterisiert Warburg als einen „krassen Haustyrannen und Topfgucker“, der zu unkontrollierten Wutausbrüchen neigt. Seine Frau Mary hat sich seinen Launen unterzuordnen, er vereitelt ihre eigene Karriere als Malerin, um die häusliche traditionelle Hierarchie nicht in Frage zu stellen. Während des Ersten Weltkrieges wird Warburg zum Kriegstreiber, reproduziert die deutsche Propaganda.

Jahrelange Behandlung in der Kreuzlinger Privatklinik von Ludwig Binswanger.


Nachdem Aby Warburg im November 1918 gedroht hatte, seine Familie und sich selbst zu erschießen, muss er sich behandeln lassen – zunächst in Hamburg und Jena, dann in der Kreuzlinger Privatklinik des Psychiaters Ludwig Binswanger. Dessen Diagnose: Schizophrenie. Diese wird später vom Psychiater Emil Kraepelin zum „manisch-depressiven Mischzustand“ umgedeutet, was eine bessere Genesungsprognose erlaubt. 1924 wird Warburg nach mehr als drei Jahren aus dem Kreuzlinger Sanatorium entlassen.


Ab 1927 entsteht in Zusammenarbeit mit Gertrud Bing sein Hauptwerk, der unvollendete Bilderatlas Mnemosyne. Dieser soll dokumentieren, wie antike Pathosformeln in der europäischen Kultur weiterleben. Der Atlas untersucht, wie emotionale Ausdrucksformen und Bildmotive (die sogenannten Pathosformeln) aus der Antike durch das kollektive Bildgedächtnis wandern und in der Renaissance sowie der Moderne wiederkehren.


Hönes ist es mit seiner Biografie gelungen, Warburg jenseits der Geistesgeschichte als einen von Selbstzweifeln, Irrungen, psychischen und physischen Krankheiten heimgesuchten Mann zu beschreiben. Damit zeichnet sich „Aby Warburg. Der Mann hinter dem Mythos“ als herausragende und entzaubernde Ergänzung aus zur umfassenden, vor allem geistesgeschichtlich orientierten Biographie Aby Warburgs durch Ernst H. Gombrich, dem bisher einflussreichsten Standardwerk über Warburg. Michael Göttsche

Hans Christian Hönes: „Aby Warburg. Der Mann hinter dem Mythos“, Verlag Klaus Wagenbach, Berlin 2026, 352 Seiten, 36 Euro.