Der Beratungsbedarf von Jugendlichen bei psychischen Problemen ist groß. Als Vermittler von Hilfen engagieren sich bundesweit rund 50 Apotheken. Kathrin Schlünsen betreibt eine von mittlerweile drei “Safe Space Apotheken” in Niedersachsen.
„Du bist lost?“ steht auf einem Aufkleber neben der Eingangstür der Rats-Apotheke in Nordstemmen. Er weist darauf hin, dass es dort neben Hustenbonbons, Schmerzmitteln und verschreibungspflichtigen Medikamenten ein besonderes Angebot gibt: Diese Apotheke ist eine sogenannte „Safe Space Apotheke“. Inhaberin Kathrin Schlünsen tritt an den Beratungs-Tresen. Sie hat sich vor ein paar Monaten dem bundesweiten Netzwerk aus aktuell 54 Apotheken angeschlossen. „Wir wollen Jugendlichen eine niedrigschwellige Möglichkeit bei psychischen Problemen oder sonstigem Gesprächsbedarf bieten“, erläutert sie, was sich hinter Apotheken als sicherer Ort verbirgt.
Damit übernähmen sie eine Lotsenfunktion zu anderen Angeboten. Die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in den Apotheken selbst machten keine psychologische Beratung, führt sie weiter aus. „Wir versuchen, die Gedanken zu sortieren und schauen, welches Hilfesystem da gut passt“. Das Konzept verstehe sich nicht als Ersatz für Hausärzte, Psychotherapeuten und Beratungsstellen.
Wunsch nach psychischer Behandlung wächst
Die Idee der Safe Space Apotheken stammt unter anderem von Lara Laurenz, Sprecherin von „OurGenerationZ“ (OGZ), einer bundesweiten Jugendorganisation. Diese setzt sich dafür ein, mehr über vermeintliche Tabuthemen zu reden, etwa über psychische Erkrankungen. „Wir haben auf Instagram über Themen informiert, über die wir selbst gerne mehr Infos gehabt hätten, wie Mobbing, Essstörungen und Depressionen“, sagt die Medizinstudentin. Doch schnell sei es nicht dabei geblieben, denn viele hätten im Chat nach konkreter Hilfe zu diesen Themen gefragt, erzählt Laurenz weiter.
„Irgendwann waren wir immer an dem Punkt, wo wir Jugendlichen den Mut zugesprochen haben, sich vor Ort Hilfe zu holen.“ Um Anlaufstellen zu finden, sei der Wunsch nach den Lotsen entstanden. Zunächst hätten sie auch über Schulen nachgedacht, doch für Apotheken spreche der Mix aus Wohnortnähe, Anonymität, langen Öffnungszeiten und Schweigepflicht. Der Beratungsbedarf ist groß. Das zeigt auch die Trendstudie „Jugend in Deutschland 2026“, bei der fast jeder dritte Jugendliche angab, eine psychische Behandlung zu benötigen.
Aus Sicht des Vorsitzenden der Stiftung Deutsche Depressionshilfe, Ulrich Hegerl, sind Angebote wie die „Safe Space Apotheken“, in denen Jugendliche bei psychischen Problemen eine erste Anlaufstelle finden, zu begrüßen, solange sie nicht die bereits zu knappen Mittel für die Regelversorgung reduzieren. Auch die Stiftung selbst und die vielen Bündnisse gegen Depression schulten seit Jahren Apotheker. „Basiswissen und Handlungskompetenz sind hilfreich, sobald Apotheker im Gespräch Warnsignale für eine psychische Krise wahrnehmen.“
Separater Beratungsraum hergerichtet
Für Apothekerin Kathrin Schlünsen und ihr Team ist das Projekt eine Herzensangelegenheit. Jugendliche, die zu ihnen an den Tresen treten, können äußern, dass sie Gesprächsbedarf haben, oder sie nennen einfach das Stichwort „Safe Space“. Schlünsen führt in einen separaten Beratungsraum. Dort ist alles für ein Gespräch bereit: Ein Sofa, Stühle und ein Tisch, auf dem Gläser und kleine Süßigkeiten stehen. „Wir lassen erst mal erzählen und fragen, ob die Person jemanden zu Hause hat zum Reden. Oder ob wir jemanden hinzuziehen sollen“, erläutert sie.
Organisiert sind die Safe Space Apotheken unter dem Dach des „Marktplatz der Gesundheit“, der Präventionsangebote in die Fläche bringen möchte. Das Netzwerk hat zusammen mit der OGZ ein Ampelsystem entwickelt, mit dem die Mitarbeitenden der Apotheke einordnen können, was die Jugendlichen in den Gesprächen erzählen. Liebeskummer fällt etwa in den grünen Bereich, Mobbing wird als gelb bewertet, Suizidgedanken beispielsweise sind rot. Doch diese kommen laut Markus Laurenz, Gründer vom „Marktplatz der Gesundheit“ weniger vor. „Wir haben viel Einsamkeit oder Sorgen um Freunde, wo man gar nicht weiß, geht es um Freunde oder um die Person selbst. Und solche Themen wie Stress, Mobbing und Trennung der Eltern.“
Nichts passiert ohne Einverständnis
Kathrin Schlünsen blättert in dem Leitfaden, der anzeigt, welches Hilfsangebot jeweils passend sein könnte. „Ganz wichtig ist: Es passiert nichts ohne Einverständnis des Jugendlichen. Außer bei Suizidgedanken, da müssen wir handeln“, sagt sie. In der Mappe finden sich auch Listen mit Anlaufstellen. Schlünsen verweist am liebsten auf Hilfen in der Nähe, wie etwa die Drogenhilfe, Jugend- oder Schwangerschaftsberatung. „Da viele junge Menschen sehr ungern telefonieren oder Probleme haben, Termine zu machen, bieten wir an, dass wir das zusammen machen, wenn der Jugendliche das möchte“, ergänzt die Apothekerin.
Wenn jemand statt mit Apotheken-Personal lieber mit anderen Jugendlichen sprechen möchte oder die Apotheke gerade geschlossen hat, findet er auf dem Aufkleber an den Eingangstüren der Apotheken einen QR-Code. Der führt zum Instagram-Account der OGZ, an den jeder eine Nachricht schreiben kann. Ihr Ziel sei es, dass Jugendliche dadurch frühzeitig das Gespräch suchten, ergänzt Lara Laurenz, entweder vor Ort in der Apotheke oder online.
Pia Osterloh (epd)

Der Beratungsbedarf von Jugendlichen bei psychischen Problemen ist gross. Als Vermittler von Hilfen engagieren sich bundesweit rund 50 Apotheken. Kathrin Schluensen betreibt eine von mittlerweile drei "Safe Space Apotheken" in Niedersachsen. Foto: epd-Video