Bowie in Gugging

David Bowie 1994 in Gugging. Foto: Christine de Grancy

Er war eine Rock- und Popikone: David Bowie. Künstlerisch wurde er maßgeblich von seinem Bruder beeinflusst. Dieser war an Schizophrenie erkrankt, verbrachte den größten Teil seines Lebens in einer psychiatrischen Klinik und starb durch Suizid. Für ein Konzeptalbum mit dem Titel „Outside“ versuchte David Bowie 1994 mit einem Besuch bei den Guggingern dem Verhältnis von Kunst und Wahnsinn auf die Spur zu kommen.

My brother Terry! Dies war die kurze und bündige Antwort von David Bowie auf die Frage, wer ihn denn an allererster Stelle in Bezug auf seine künstlerisch musikalische Karriere beeinflusst habe. Terry Burns – zehn Jahre älter als sein kleiner Bruder David – brachte diesen schon früh in Kontakt mit Kunst, Jazz, Popmusik und avantgardistischer Literatur. Er nahm ihn mit in die Londoner Clubs, in Kunstgalerien und in die Hotspots der Subkultur der sechziger Jahre und gab ihm Autoren wie Burroughs und Cummings zu lesen.

Bruder Terry verbrachte den größten Teil seines Lebens in einer psychiatrischen Klinik

Terry Burns war jedoch schon in jungen Jahren an Schizophrenie erkrankt und verbrachte den größten Teil seines Lebens in einer psychiatrischen Klinik, dem Cane-Hill-Hospital. Mit 47 Jahren – David Bowie war längst ein Weltstar – beging er Suizid, indem er sich nach einem gelungenen Fluchtversuch aus der Psychiatrie auf die nahen Zuggleise legte. David Bowie hat diesen Verlust nie verkraftet, und so durchzieht diese enge und tragische Beziehung zu seinem Bruder sein gesamtes musikalisches Werk. Zu diesem Verhältnis von Kunst und Wahnsinn ist nun – am Beispiel von David Bowie und der Gugginger Psychiatrie – ein Buch erschienen: „Sternenmenschen – Bowie in Gugging“ von Uwe Schütte.

Doch wer oder was ist Gugging? Gugging war eine am Ende des 19. Jahrhunderts in Niederösterreich gegründete psychiatrische Heil- und Pflegeanstalt, die von 1946 an von dem Psychiater Leo Navratil geleitet wurde. Nachdem dieser 1950 während eines Forschungssemesters in London der amerikanischen Psychologin Karen Machover begegnet war, entdeckte er sein Interesse für den Zusammenhang von Psychiatrie und Kunst. Machover hatte nämlich ein Zeichentestverfahren als Diagnoseinstrument für Psychiatriepatienten entwickelt. Navratil sagte später, diese Erfahrung habe den Grundstein gelegt für seine Auseinandersetzung mit dem Zusammenhang von Psychiatrie und Kunst.

Zeichentestverfahren brachte zahlreiche künstlerische Werke hervor

Die Zeichentestverfahren, die auch Navratil von nun an bei seinen Patienten anwandte, brachten neben diagnostischen Erkenntnissen v.a. zahlreiche künstlerische Werke hervor, die – so sah es Navratil – eine eigene Anerkennung und Würdigung verdienten. Und so gründete er 1981 in Gugging das „Zentrum für Psychiatrie und Kunst“. Navratil sah und bezeichnete die Werke seiner Patienten als „zustandsgebundene Kunst“, also als Kunst, die in ihrem Ausdruck und Wert abhängig vom je aktuellen psychischen Zustand der Patienten ist.

Für Feilacher hingegen (der ab 1986 Navratils Nachfolger wurde) waren diese Patienten als „eigenständige Künstler“ und nicht als „Knechte ihrer Psychosen“ wahrzunehmen. Und so erscheint es folgerichtig, dass er noch im gleichen Jahr das „Zentrum für Kunst und Psychotherapie“ in das „Haus der Künstler“ umbenannte.

Nun sind die beiden Säulen dieses Buches, das man als einen sehr komplex gestalteten Essay bezeichnen kann, benannt: David Bowie und seine Musik auf der einen sowie Gugging und seine (Patienten)-Künstler auf der anderen Seite. Zusammengebunden werden diese beiden Säulen durch den zweitägigen Besuch, den Bowie 1994 – zusammen mit André Heller, Brian Eno und der großartigen Fotografin Christine de Grancy – dem Gugginger Künstlerhaus abstattete.
Aber in dieser „Sammlung von Schlaglichtern“, wie Uwe Schütte selbst sein Buch nennt, geht es um weit mehr als diese zwei Tage, in denen sich ein Weltstar mit 15 in einer Psychiatrie internierten Künstlern (sind sie nun Künstler oder Patienten oder eben beides?) ein paar Stunden lang auseinander setzt.

Es ging und geht um die Suche nach dem Ausweg aus ser Hoffnungslosigkeit

Es ging und geht um die Suche nach dem Ausweg aus der Hoffnungslosigkeit, der Verzweiflung, der Angst, der Isolation und Verlassenheit, letztendlich der Ohnmacht der menschlichen Existenz. Doch diesen Ausweg, so beschreibt es Schütte in seinen „65 Textblöcken“, gibt es wohl nur um den Preis der Aufgabe der Vernunft. Und dies ist beiden, den Künstlern und den Psychiatriepatienten – eben den „Sternenmenschen“, gemeinsam: Sie verlassen in gewollter oder ungewollter Weise die Grenzen der Realität und der Ratio. Bowie suchte nach Inspiration für sein neues Album „Outside“, mit dem er, so sagt es Schütte, dem „ästhetischen Extremismus ein musikalisches Denkmal“ setzte. Diese Inspiration hin zum ästhetischen Extremismus fand er bei den Patienten in Gugging, bei den „Sternenmenschen“, zu denen er sich auch selbst zählte.

Da gab es zum Beispiel den Patienten Ernst Herbeck, der aufgrund einer Hasenscharte schon früh die Erfahrung des „Outsiders“ machen musste und im Alter von 20 Jahren erstmalig in eine Psychiatrie eingewiesen und dort als „schizophren“ diagnostiziert wurde. Aber weder Insulin- noch Elektroschocks halfen ihm, irgendwann landete er in Gugging, ein Glück in seinem Unglück, denn hier begann er Gedichte zu schreiben, mit denen er die Aufmerksamkeit seines Arztes Navratil gewann. So wie dieses:


„Wie ein Adler flieht der Rauch der Zigarette.
Wohl der Kopf und ganz allein das Auge.
Wie ein Adler möchte ich gerne sein.
Da ist die Welt für mich allein.“

Oder August Walla, der schon zu Lebzeiten zu einem der weltweit berühmtesten Art-brut*- Künstler wurde. Auf das Pflaster vor der Gugginger Anstalt schrieb er in großen Lettern: „Idiotenanstalt“ und auf die Frage „Warum?“ antwortete er schlicht: „Weil’s ane is“. Ein anderes Mal schrieb er auf die Straße: „Pfleger sind keine Mütter.“
Er bemalte und beschriftete Wände im öffentlichen Raum und entwarf eine Art Privatmythologie aus Dämonen, Göttern und Heiligen. Er prägte Begriffe wie das „Weltallende“, die „Ewigkeitskugel“ und den „Weltendegott“.

David Bowie verbrachte nur je vier Stunden an zwei aufeinander folgenden Tagen in Gugging, das erste Mal zusammen mit Brian Eno, André Heller und der Fotografin Christine de Grancy, am 2. Tag kam er ganz allein. Und er kam nicht als David Bowie, sondern als David Jones (Bowies bürgerlicher Name, den er immer beibehalten hatte und benutzte, wenn er jenseits von Öffentlichkeit und Auftritten unterwegs war). Den wunderbaren Fotos ist seine Zurückhaltung und gleichzeitig wache Präsenz und Neugier deutlich anzusehen. Und am Ende sagt er: „Ich mochte die Atmosphäre von Erkundung und das Fehlen von Selbstkritik gegenüber dem, was die Künstler taten, und es wurde eine der Atmosphären für ,Outside’. Gugging war eine unglaubliche Erfahrung“.


So ging wohl sein Wunsch nach Inspiration für sein Album „Outside“ in Erfüllung.

Schüttes Buch „Sternenmenschen“ ist ebenso spannend wie anstrengend zu lesen. Spannend, weil er immer wieder die geraden Pfade der Normalität verlässt, so wie David Bowie und die Gugginger Künstlerpatienten es auch taten. Anstrengend, weil der Autor in seinen 65 Textblöcken hin- und herspringt zwischen eigenen Lebenserinnerungen, biografischen Notizen über David Bowie, Erzählungen über die Gugginger Künstler sowie Textvignetten über Künstlerinnen wie z.B. Marina Abramovic oder Yayoi Kusama.
Und wenn man dann schließlich am Ende des Buches angelangt ist, kann man eigentlich gleich wieder von vorn beginnen.

Martina de Ridder

*Art brut: rohe Kunst – Sammelbegriff für autodidaktische Kunst von Laien, Kindern, physisch und psychisch behinderten Menschen, Insassen von Gefängnissen etc.

Uwe Schütte: „Sternenmenschen – Bowie in Gugging“, Fotografien von Christine de Grancy, Starfruit Publications (in Kooperation mit dem Institut für moderne Kunst in Nürnberg) 2025, 248 Seiten,
26 Euro.