Psychiatrie im Spannungsfeld zwischen Autonomie und Wohlergehen“ – unter dieser Überschrift treffen sich bis Sonnabend im Berliner Kongresshotel Estrel mehr als 200 Psychiatrieexperten aus Deutschland, Österreich und der Schweiz, darunter auch Betroffene und Angehörige, um über Zwangsunterbringung und -behandlung zu diskutieren. Veranstalter sind die drei großen psychiatrischen Fachverbände DGPPN, ÖGPP und SGPP.
Das Thema ist ein heißes Eisen. Wird doch vor dem Hintergrund eines großen öffentlichen Echos auf einzelne, gravierende Gewaltvorfälle seit rund zwei Jahren vermehrt diskutiert, ob man nicht doch restriktiver mit bestimmten psychischen Erkrankungen umgehen sollte. Zum Beispiel, indem man Informationen über auffällig gewordene Personen in einem für Polizei zugänglichen Register sammelt. Letztes sei „äußerst kontraproduktiv“, warnte Prof. Thomas Pollmächer, ehemaliger Präsident der DGPPN* und Mitinitiator der Veranstaltung, im Rahmen einer Vorab-Pressekonferenz: Die Wahrscheinlichkeit, die richtigen zu treffen, sei gering und die Gefahr, Patienten davor abzuschrecken, sich Hilfe zu suchen, groß. Dabei sei die einzige vernünftige Strategie eine frühzeitige gute und auch aufsuchende Behandlung. Daran aber mangelt es offenbar in allen drei am Kongress beteiligten Länder.
Pollmächer warnte vor einem drohenden „Rollback“ weg von der modernen, partizipativen, also mitbestimmenden, zurück zu einer kustodialen, verwahrenden Psychiatrie. Letztere habe sich in den letzten Jahrzehnten insgesamt positiv entwickelt. Die Bedeutung von Autonomie und Selbstbestimmung habe stark zugenommen. Die Crux: Schwer Erkrankte seien teils nicht mehr in der Lage, rationale Entscheidungen zu treffen. Ultima Ratio sei dann eine Behandlung gegen den Willen, gegen die das Gesetz aber hohe Schwellen gesetzt habe.
Ein Spannungsfeld, in dem sich PsychiaterInnen unter Beobachtung fühlen: einerseits werde häufig zu viel Zwang kritisiert, andererseits würden BehandlerInnen verantwortlich gemacht, wenn es ohne Zwang zur Gefährdung von Mitmenschen komme. „Man kann es überhaupt nicht richtig machen“, so Pollmächer. „Es gibt meist keine perfekte Lösung“, so die Vertreterin der Schweizerischen Fachgesellschaft, Dr. Fulvia Rota, sondern nur die „am wenigsten einschneidendste und am ehesten zu verantwortende“.
Die Grundlagen sind in allen drei Ländern vom Gesetz her verschieden, wobei in allen Ländern aktuell Bewegung ist und an Verbesserungen gearbeitet wird. Ein großes Manko ist fehlende Evidenz – und ein Mangel an Zahlen zum Umgang und zur Entwicklung von Zwangsmaßnahmen, insbesondere in Deutschland. Prof. Martin Aigner Aigner forderte auch Forschung zu Ansteckungsphänomenen von Berichterstattung über Gewaltvorfälle, vergleichbar dem „Werther-Effekt“ der Nachahmung bei Berichten über Suizide. Ziel: Medien dazu anzuhalten, sorgsamer und zurückhaltender zu berichten.
Was die Länder ebenfalls eint, ist die gesellschaftspolitische Dimension des Ganzen. Der Rechtsruck setze etablierte Parteien unter Druck, mit erhöhten Sicherheitsmaßnahmen zu reagieren, so Pollmächer. Dabei seien Gewalttaten insgesamt „faktisch seit Jahren rückläufig“. (hin)
(Einen ausführlichen Kongressbericht lesen Sie in der nächsten EPPENDORFER-Printausgabe 4/26, die im Juli erscheint.)

Tagungsort ist das Berliner Estrel Congress Center.