Der Inhalt: selten wichtig zur Zeit – leider sehr amerikanisch umgesetzt. „Auf Hochglanz poliertes Unterhaltungswerk“, beschrieb es eine Kritik. „Nürnberg“ von James Vanderbilt beleuchtet die Nürnberger Prozesse. Zugespitzt auf das (real existierende) Verhältnis zwischen NS-Reichsmarschall Hermann Göring und dem Militärpsychiater Douglas Kelley (hochkarätig besetzt mit Russell Crowe und Rami Malek) kreist das Drama um die Frage: Basierte die Ungeheuerlichkeit des Nazi-Regimes auf psychischen Defekten – oder konnten gewöhnliche Menschen durch Ideologie und Ehrgeiz dazu verführt werden, unvorstellbare Taten zu begehen?
Deutschland 1945: Was tun mit den führenden Nazitätern? Winston Churchill wollte sie erschießen lassen, Josef Stalin wollte einen Schauprozess, der automatisch zu ihrer Erschießung füh-
ren würde, während der neu ins Amt gekommene US-Präsident Harry S. Truman auf einen echten Prozess bestand, um sie vor Gericht zu stellen. In Nürnberg wurden dann 22 der überlebenden Nazi-Hauptkriegsverbrecher vor ein internationales Tribunal gestellt.
Militärpsychiater Douglas Kelley ist dabei, um zu bestätigen, dass die Angeklagten verhandlungsfähig sind und sie zu stabilisieren, um ihre Prozessfähigkeit zu erhalten. Durch das Verständnis des mentalen Zustands und der Motivation von Männern wie Hermann Göring und mit Gesprächen und Tests versuchte Kelley herauszufinden, wie derartige Gräueltaten geschehen konnten. Konnte womöglich eine psychiatrische Sichtweise der Welt helfen, Warnzeichen zu erkennen und zukünftige Schrecken zu verhindern?
Seine bis dahin unveröffentlichten Aufzeichnungen sind in einem Buch des Journalisten Jack El-Hai aus dem Jahr 2013 nachzulesen, die deutsche Ausgabe heißt „Der Nazi und der Psychiater“. Douglas M. Kelley kam letztendlich zu der zutiefst beunruhigenden Schlussfolgerung: Die Nazi-Führer, darunter Göring, waren normale Männer – schlau, vielleicht ehrgeizige und grausame Narzissten, aber keine Psychopathen und unter bestimmten Umständen in der Lage, unaussprechliche Verbrechen zu begehen.
Pathologisch oder nicht?
Kelley wurde bald durch den Psychologen Gustave Gilbert ersetzt, der zu einem anderen Schluss kam, nämlich: dass die Nazi-Führer tiefgreifende moralische und emotionale Defizite aufwiesen – Eigenschaften, die er als pathologisch und als Zeichen einer angeborenen Fähigkeit zum Bösen betrachtete. Was in der Öffentlichkeit besser ankam, „die sich nach klaren moralischen Grenzen sehnte“, wie es im Presseheft heißt. Und als Erklärung für das unfassbare Verbrechen, das den Kinobesuchern in einer Schlüsselszene in seiner ganzen Brutalität vor Augen geführt wird, indem die Staatsanwälte echte Aufnahmen aus (befreiten) Konzentrationslagern zeigen. Ein großer Schockmoment im Kino.
Am Ende der Prozesse standen zwölf Todesurteile, sieben Gefängnisstrafen, drei Freisprüche. Hermann Göring wurde unter anderem für Verbrechen gegen die Menschlichkeit zum Tod durch den Strang verurteilt. Doch es gelang ihm, sich Stunden vor der Hinrichtung selbst mit Zyankali zu töten. Schwer zu fassen: Auch Psychiater Kelley nahm sich 1958 das Leben – indem er ebenfalls Zyankali nahm.
Vermächtnis von erschreckender Aktualität
Sein Vermächtnis ist eine Warnung von erschreckender Aktualität. Keine Gesellschaft sei immun gegen Nazismus, daher müssten die Amerikaner Personen mit solchen Persönlichkeitsstrukturen davon abhalten, die politische Macht zu ergreifen, schrieb er und warnte seine Mitbürger davor, Kandidaten zu wählen, die politisches Kapital aus Rassen- oder Glaubensunterschieden schlagen.
„Es gruselt einen, wenn man das heute, viele Jahrzehnte später, im Licht der Präsidentschaft von Donald Trump liest“, schrieb 2020 Heribert Prantl, Kolumnist und Autor der Süddeutschen Zeitung. Anke Hinrichs
„Nürnberg“, seit 7. Mai im Kino.

Angeklagte Kriegsverbrecher in Nürnberg, ganz vorn der von Russell Crowe gespielte Hermann Göring. Foto: Scott Garfield / Sony Pictures Classics