In der Ruhe liegt die Kraft

Wenn psychisch kranke Menschen in Krisen geraten, entstehen manchmal bedrohliche Situationen, die mitunter in gefährliche Polizeieinsätze münden. Mit Schulungen wird versucht, Eskalationen vorzubeugen. Symbolfoto: pexels

Wenn psychisch kranke Menschen in Krisen geraten, entstehen manchmal bedrohliche Situationen, die mitunter in gefährliche Polizeieinsätze münden. Um vorab deeskalieren zu können, werden Hamburger Polizei-Auszubildende von „Irre menschlich e.V.“ in Workshops geschult, wo sie sich mit Psychose-Betroffenen und Angehörigen austauschen. Anke Hinrichs war bei einem Tagesseminar dabei.

Akademie der Polizei in Hamburg-Alsterdorf: Bernd Meyer nennt seine Diagnose selbst: F20, paranoide Schizophrenie. Die CIA und Agenten seien hinter ihm her. Dass er noch Symptome hat, ist offensichtlich. Medikamente könnten „ein bisschen helfen“. Sie sedieren, sagt er, „schalten das Gehirn ab“, er sei dann nicht mehr so unruhig, und es helfe auch, Geld zu sparen, da er es dann nicht manisch in Nachtclubs ausgebe. Das Problem: Ärzte seien Lobbyisten und behandelten ihn im Interesse von Zuhältern, die ihm Frauen wegnehmen und ihn „aus der Szene entfernen“ wollten. Seit 30 Jahren gehe das so, erzählt er über seine Krankheit, sein Vater sei Multimillionär. Er spricht von Flügen nach London und Paris, berichtet von russischen Informanten, die ihm geheime Grüße in Presseartikeln übermittelten. Jetzt sitzt er hier vor einer Klasse staatlicher Sicherheitskräfte und lässt sich interviewen. Sie seien ja nur Polizeischüler und keine FBI-Agenten, vor ihnen habe er nicht ganz so große Angst, sagt Bernd Meyer, dessen wirklicher Name ein anderer ist.


Wie sollen wir mit Dir umgehen?


„Wie möchtest Du, dass wir als Polizei mit Dir umgehen?“, fragen ihn zwei von heute 20 jungen Polizeibeamten in Ausbildung, die ihn interviewen, um gemeinsam mit ihren MitstreiterInnen zu lernen, wie es ist, paranoid schizophren zu sein und was sich daraus für Polizeieinsätze lernen lässt, um Gewalt zu vermeiden. Er wünsche sich, dass seine Mails gelesen würden, sagt Bernd. Zurzeit habe ihn die gesamte Polizei in Schleswig-Holstein geblockt. Er möchte genauso ernst genommen werden wie ein Gesunder, sagt er. Danach ist Pause. Bernd bleibt sitzen. Er redet leise aber unaufhörlich weiter, den Kopf leicht zur Seite gewandt. Sein Gesprächspartner ist unsichtbar…

Er ist Teil einer Aufklärungskampagne, die so weit Schule gemacht hat, dass jeder angehende Polizeibeamte, der die Laufbahn zum mittleren Dienst einschlägt, einmal auf diesem Weg über Psychoseerleben aufgeklärt wird. Auslöser für die Initiative war eine Häufung von tödlichem Schusswaffengebrauch in Hamburg bei drei Einsätzen 2008 und 2009. Die Opfer hatten oft irrational und panisch auf die Uniformierten reagiert und waren mit Fäusten und Messern auf diese losgegangen.

Auslöser für die Initiative war eine Häufung von tödlichem Schusswaffengebrauch

Nach einem Gespräch am Runden Tisch mit Polizisten, Angehörigen, Patienten und Fachärzten initiierten ein hochrangiger Polizeibeamter und der Mitgründer von „Irre menschlich Hamburg e.V.“, Prof. Thomas Bock, die erste trialogische Veranstaltung mit dem Ziel, Wissen über polizeirelevante Besonderheiten der Wahrnehmung und Reizverarbeitung bei Menschen in psychotischen Krisen oder mit Borderlinestörung zu vermitteln. Dahinter steht die Grundüberzeugung des u.a. mit dem DGPPN-Antistigma-Preis ausgezeichneten Vereins „Irre menschlich“, dass sich die Wahrnehmung von psychisch erkrankten Menschen vor allem durch Begegnung mit ihnen entscheidend verändert. Mittlerweile wurden in zahlreichen Veranstaltungen tausende Polizei-„Azubis“ sensibilisiert – aber auch viele andere Gruppen wie Schüler und Lehrer und Mitarbeiter von Wohnungsunternehmen.


Organisiert und geleitet werden die Workshops in Trägerschaft des Vereins von dem UKE-Mitarbeiter, Fachkrankenpfleger und Familientherapeuten Robert Dorner. Er wurde vom UKE dafür freigestellt – die Stelle wird großteils über die Sozialbehörde finanziert – und stieß über die früher von Thomas Bock geleitete Sozialpsychiatrische Psychosenambulanz (SPA) zu den trialogischen Aktivitäten. Den Workshop lenkt und moderiert er mit leiser Stimme, streut zwischendurch sachliche Informationen ein.

„Kein Grund, dass zehn Leute anrücken ..”

Jetzt steht „Monsieur M.“ im Fokus, 39, Schlosser, suchtkrank. Er hatte mit 19 eine erste Psychose, „drogeninduziert“, sagt er. Er hat mehrfach Erfahrungen mit der Polizei gemacht. Eine davon führte zur Zeitungs-Schlagzeile: „Bewaffneter Mann unterwegs – Polizei im Großeinsatz“ (s.o.). Wegen eines Missverständnisses (eine Klapp-Nagelfeile, die für ein Messer gehalten wurde), so stellt er es dar, fühlte sich ein Vater mitten am Tag von ihm auf der Straße mit einem Messer bedroht und alarmierte die Polizei. Diese brach die Tür zur Wohnung auf, in der sich der schwer angetrunkene mittlerweile ins Bett gelegt hatte. „Eventuell habe ich es eskalieren lassen“, gesteht er ein, aber das sei „kein Grund, dass zehn Leute anrücken“.

Beim Versuch, sich anzuziehen, hätten zwei der Polizisten Hektik verbreitet, nur ein älterer Beamter habe ein Gefühl von Ruhe ausgestrahlt. Das habe ihm geholfen. „Er hat das Gefühl vermittelt, dass er sich einen Überblick verschafft und dass er sich nicht auf eine Seite stellt“, hebt Monsieur M. hervor. Reden, Kontakt, ein Gegenüber sein, helfen, in gemeinsamer Realität zu bleiben, erklärt Robert Dorner. Auch Sätze wie: „Sie sehen aber müde aus, haben Sie schlecht geschlafen? Möchten Sie etwas essen oder trinken?“ Monsieur M. hilft offenbar auch der Auftritt vor den Schülern: Er habe wegen seiner bisherigen Erfahrungen eine Antipathie gegen die Polizei entwickelt, sagt er. Das sei durch die Fortbildung und den Kontakt mit Polizeischülern besser geworden.


„Psychotische Angst, die der Täter unter Kontrolle zu bringen versucht”

Ausführlich mit tödlichen Polizeischüssen auf psychisch Erkrankte hat sich 2014 Asmus Finzen in einem Beitrag für die Soziale Psychiatrie auseinander gesetzt. Oft handele es sich um „tragische Missverständnisse und schwerwiegende Störungen der Kommunikation zwischen normalen und gestörten Menschen“, schreibt er. Auslöser der Situation sei „die psychotische Angst, die der Täter nicht kontrollieren kann, die er unter Kontrolle zu bringen versucht, indem er sich bewaffnet“. Fast immer greife er zum Messer, selten zu einem Hammer oder einer Axt. Von Wahn und Halluzinationen getrieben, könne er nicht reagieren wie ein normaler Straftäter. „Die Aufforderung, die Waffe fallen zu lassen, verstärkt seine Angst. Er ist von Panik gelähmt, und je mehr Einsatzkräfte anrücken und je näher sie ihm kommen, desto furchtbarer wird die Situation für ihn.“ Um so wichtiger: Besonnenheit. Das entscheidende Problem bei schizophren erkrankten Menschen sei die Reizüberflutung, besonders wenn mehrere auf ihn einreden.


„Es gibt keine Blaupause“


Einsätze mit psychisch Erkrankten seien die herausforderndsten, da sie so „unkontrollierbar und undurchsichtig“ seien, sagt später im Gespräch mit dem EPPENDORFER einer der Polizei-Auszubildenden. Auch er möchte anonym bleiben. „Die Stimmung und das Geschehen kann jederzeit umschlagen“, sei schwer zu trainieren. „Es gibt keine Blaupause.“ Vielleicht werde in einzelnen Fällen auch zu schnell mit Maßnahmen gedroht, überlegt er. Richtig Angst habe er nicht, aber er wolle wissen, was die Polizei besser machen kann, findet den Austausch konstruktiv, äußert sich interessiert daran, „Kritik abzuholen“. Er selbst habe in Praktikumsphasen auch schon gute Deeskalation erlebt. Bei einem Einsatz mit einer sehr verwirrten jungen Frau, bei dem ein dominant wirkender Kollege wenig zielführend gewesen sei. Wohingegen ein anderer ein ablenkendes Gespräch über den Sternenhimmel begonnen habe und dadurch Zugänglichkeit bewirkt habe. Das könne aber lange dauern, man müsse sich Zeit nehmen, und das ist das Herausfordernde.

Wenn die Stimmen dominant und aggressiv werden


Nach der Mittagspause geht es um Stimmenhören. Nach einer Eigenübung erzählt Frank M. alias Pic – so der Künstlername des Erwerbsunfähigkeitsrentners und Musikers – von seiner Krankheit. Er ist 58 und leidet seit 30 Jahren an einer paranoiden Schizophrenie. Frank berichtet von der Dominanz der Stimmen, die oft aggressiv seien. Es seien viele verschiedene Stimmen, einzelne könnten auch total nett sein, oder auch hinterhältig. Auslöser sei Stress. Kiffen helfe ihm dagegen, aggressiv zu werden, meint er. Auch Musik: Punkrock zum Beispiel. Zeitweise könne man reale Stimmen und die Stimmen im Kopf nicht auseinander halten. Er berichtet auch von Halluzinationen und von gesteigerter Sensibilität. Er bekomme jede Bewegung, jede Gesichtsregung in seiner Umgebung mit. Das macht es so schwierig, wenn viele Reize zusammen kommen.


Auch er hat Polizeieinsätze ausgelöst und erlebt. Gefährliche Einsätze. Überall lagen Waffen bei ihm herum: große Schraubendreher, eine „scharfe Knarre in der Bettritze“, unter dem Kissen ein Kampfmesser, im Wohnzimmer eine Gaspistole, auf dem Schrank ein Samuraischwert, zählt er auf, was die Polizisten erwartete, als sie bei ihm – damals stark alkoholisiert – anrückten. Dazu komme: Psychisch Erkrankte, auch Frauen, könnten enorme Kräfte entwickeln, warnt er, und bei „viel Gerede im Kopf“ unvorstellbar gereizt sein. Ein Polizist sei ihm aggressiv vorgekommen, doch ein Kollege habe ihn rausgeschickt und ruhig und bestimmt mit ihm geredet. „Er war entspannt, und ich war dann schlagartig auch entspannt“, so der Mann, der sich letztlich selbst Hilfe im UKE suchte – und fand.


„Er war entspannt – ich entspannte“


Doch im schlimmsten Fall kann so eine Situation eskalieren. Im Jahr 2025 erschoss die Polizei in Deutschland 17 Menschen, darunter waren 6 in psychischen Ausnahmesituationen. 2024 starben deutschlandweit 22 Menschen durch Polizeischüsse, bei 21 Fällen waren Stichwaffen im Spiel, in 13 Fällen gab es Hinweise auf eine psychische Ausnahmesituation. Das geht aus einer Auflistung der Zeitschrift Bürgerrechte & Polizei/ CILIP des Instituts für Bürgerrechte und öffentliche Sicherheit an der Berliner Humboldt-Universität hervor.


Oft helfen Polizisten aber auch, Todesfälle zu verhindern. Eine Vertreterin des Hamburger Angehörigenverbands berichtete von ihrer – heute „relativ stabilen“ – Tochter, die mit 18 erstmals bipolar erkrankte, sich nach der Erstbehandlung auf einer jungen Erwachsenenstation selbst entließ und die Eltern fortan über Jahre mit ins Drama zog. „Man ist so hilflos“, sagt die Mutter. „Sie hat gedacht, sie kann den Regen bewegen, und hatte totale Kräfte.“ Mehrere Klinikaufenthalte später – darunter auch auf einer geschlossenen Akutstation mit Mehrbettzimmern sowie drei Duschen und vier Toiletten für 30 Frauen – landet sie zwischenzeitlich ohne Anschlussbehandlung wieder bei den Eltern, wo sie zunächst nur im Bett liegt. „Keiner hat geholfen“, so die Angehörige.

Oft helfen Polizisten aber auch, Todesfälle zu verhindern


Als sich die Tochter nach einem suizidalen Fenstersprung in einer depressiven Psychose aus dem ersten Stock aus Angst verkrochen hatte, half die Polizei zu entängstigen. Die Polizistin sei ganz ruhig und auf Abstand geblieben und habe vorsichtig gefragt, ob sie einmal schauen dürfe, was mit dem Bein sei oder ob sie erstmal was trinken wolle. Die Einlieferung auf die Akutstation erfolgte dann freiwillig. Nach einem Rückfall in einen wahnhaften und bedrohlich wirkenden Zustand folgte ein weiterer Klinikaufenthalt. Als sich die junge Frau mit den Worten „ich kann fliegen“ beim Einliefern losriss und in die oberen Stockwerke rannte und ein erneuter Suizidversuch drohte, war es wieder ein geistesgegenwärtiger Polizist, der die richtigen Worte fand und die Frau stoppte, indem er mit Abstand hinterherlief und rief: „Hallo, können Sie mir helfen?“


Angehörige würden oft allein gelassen, macht die Mutter auch deutlich, viele würden depressiv. Sie verweist auf das Messer-Attentat am Hamburger Hauptbahnhof. Ein riesiges Kriseninterventions-Team habe sich um die Zuschauenden gekümmert, für Angehörige gebe es in Krisensituationen – versuchte Suizide oder Polizeieinsätze bei erkrankten Angehörigen – „null“ Hilfe.


Gut geschulte Polizisten kommen allen zugute. Bei Nachbefragungen wurde „eine verblüffend deutliche“ Wirkung der trialogischen Workshops festgestellt. „Polizisten können die Erkrankten weniger stereotyp sehen und dadurch selbst gelassener bleiben. Sie nehmen die Erkrankungen umfassender und dadurch weniger hoffnungslos wahr“, heißt es in einem – auf dem Ergebnis von Befragungen basierenden – Fazit der Veranstalter. Und mehr noch: Aus Sicht des Polizisten, der das Ganze mit initiiert hat, „hat sich die Einsatzkultur der Polizei durch die Fortbildungen auf den verschiedenen Ebenen deutlich verändert.“ Anke Hinrichs

Literatur: Prof. Asmus Finzen: „Wer mit einem Messer Polizisten angreift, muss damit rechnen erschossen zu werden“, Soziale Psychiatrie 2014 (http://www.finzen.de)
Thomas Bock et. al.: „Wenn Stigma tödlich wird, kann Fortbildung lebensrettend sein – Zur konstruktiven Wirkung trialogischer Fortbildung bei der Hamburger Polizei“ (Psychiatr Prax 2015; 42(05)