Psychiaterin fordert Debatte
über Zwang in Kliniken

Anlaesslich des Bremer Fachtages Psychiatrie, der sich mit "Menschenrechten in der Psychiatrie" beschaeftigt, fordert die Psychiaterin und einstige Psychiatrie-Patientin Margret Osterfeld ein Umdenken im Umgang mit den Betroffenen. Foto: epd-bild/Nancy Heusel

Anlässlich des Bremer Fachtages Psychiatrie, der sich mit “Menschenrechten in der Psychiatrie” beschäftigt, fordert die Psychiaterin und einstige Psychiatrie-Patientin Margret Osterfeld ein Umdenken im Umgang mit den Betroffenen.


Die Psychiaterin Margret Osterfeld hat eine kritische Debatte über Zwangsmaßnahmen im Psychiatrie-Betrieb angemahnt. „Mit mehr Zeit und Personal wären mehr Beziehung und weniger Zwang möglich“, sagte das einstige Vorstandsmitglied der Deutschen Gesellschaft für Soziale Psychiatrie im Vorfeld des vierten Fachtags Psychiatrie in Bremen dem Evangelischen Pressedienst (epd). Bei der Veranstaltung kommen am Wochenende (17./18. April) in der Hansestadt rund 100 Fachleute zusammen, um über das Thema „Menschenrechte in der Psychiatrie“ zu diskutieren.

„Zu wenige mildere Alternativen”


Zwar seien Maßnahmen wie eine Zwangsmedikation oder eine Fixierung tobender Patienten mitunter alternativlos, sagte Osterfeld, die bei dem Kongress referieren wird. Dennoch gebe es im Psychiatrie-Alltag nach wie vor „zu wenige mildere Alternativen“ wie „weiche Zimmer“ mit gepolsterten Wänden und Schaumstoffmöbeln. Auch Teams, die Patienten zu Hause betreuen anstatt sie in die Psychiatrie einzuweisen, regte die langjährige Oberärztin an, die inzwischen im Ruhestand ist und im ostwestfälischen Lübbecke lebt.


Patientin und Psychiaterin – Doppelte Erfahrung


Osterfeld gilt als besondere Expertin auf diesem Gebiet, weil sie sowohl die ärztliche Perspektive als auch die einer ehemaligen Psychiatrie-Patientin einbringen kann. Anfang der 2000er-Jahre habe sie ihre „Doppelerfahrung“ auf einem Kongress vor einem größeren Publikum öffentlich gemacht, berichtete Osterfeld, die damals als Oberärztin in einer psychiatrischen Klinik in Dortmund arbeitete. Ihr Outing habe ihr die Anerkennung vieler Patienten eingebracht. Bei ihren Vorgesetzen habe sie sich aber „nicht besonders beliebt gemacht“.


Unter dem derzeitigen Kostendruck werde zu oft versucht, Symptome mit Medikamenten zu beseitigen, um Patienten möglichst schnell zu entlassen, kritisierte die Psychiaterin. Ein solches Vorgehen sei nicht nur wenig patientenfreundlich, sondern auch kaum nachhaltig. „Erkrankungen haben fast immer auch soziale Komponenten“, erläuterte Osterfeld. „Ohne ursächliche Behandlung kommt es sehr häufig zu Wiederaufnahmen.“ Ehemalige Patientinnen und Patienten bräuchten nach ihrem Psychiatrie-Aufenthalt eigentlich eine Reha, „so wie sie nach jedem Herzinfarkt üblich ist“.

Medizinerin fordert Offenlegung von Zwangsmaßnahmen


Osterfeld bemängelte, dass kaum Transparenz über das Ausmaß der in Klinken ausgeübten Zwangsmaßnahmen bestehe. „Es gibt Kriminalstatistiken, eine Arbeitslosenstatistik, sogar einmal im Monat. Aber umfassende, bundesweit einheitliche Statistiken über Zwangsmaßnahmen in der Psychiatrie gibt es nicht.“ Die Medizinerin forderte, dass Kliniken in ohnehin obligatorischen Qualitätsberichten offenlegen sollten, wie oft Zwangseinweisungen, Fixierungen oder Zwangsmedikationen vorkommen. „Nur so lassen sich ungewöhnlich hohe Zahlen erkennen und hinterfragen.“ epd/Annette Baimler-Dietz

(Einen Bericht von der Tagung lesen Sie in der nächsten EPPENDORFER-Printausgabe, die am 5. Mai erscheint)