9241 Suizid-Tote

An der Golden Gate Bridge wurden Krisentelefone installiert, um Suizide zu verhindern. Foto : Wikipedia/ Guillaume Paumier, CC-BY.

Viele Menschen nehmen sich das Leben, weil sie keinen Ausweg aus einer Krise sehen. Gesundheitsexperten setzen deshalb auf Aufklärung. Am 10. September ist Welttag der Suizidprävention. Die Zahl der Suizide in Deutschland ist in den vergangenen Jahren zurückgegangen.

2017 nahmen sich 9.241 Menschen das Leben. Darunter waren rund drei Viertel Männer (6.990), wie das Nationale Suizidpräventionsprogramm (NaSpro) und die Deutsche Gesellschaft für Suizidprävention am Mittwoch in Berlin mitteilten. Damit seien die absoluten Zahlen im dritten Jahr in Folge rückläufig. 

Zugleich sei es die niedrigste Anzahl der in Deutschland erhobenen Suizide seit deren Höchststand im Jahr 1981 (18.825), hieß es weiter. Die Suizidrate sank demnach in dem Zeitraum von 24 auf 11,2 pro 100.000 Einwohner im Jahr 2017. 

Dennoch seien die Zahlen weiterhin alarmierend, sagte die Sprecherin des Präventionsprogramms, Hannah Müller-Pein. Verglichen mit anderen Todesursachen würden in jedem Jahr mehr Menschen durch Suizid sterben als durch Verkehrsunfälle (2017: 3.180), Gewalttaten (2017: 731) und illegale Drogen (2017: 1.272) zusammen.

Eine einfache Erklärung für die sinkenden Suizidzahlen gebe es nicht, sagte Müller-Pein. Auch eine Prognose für die nächsten Jahre wäre gewagt. Die Häufigkeit von Suiziden unterliege vielfältigen Einflüssen. Dazu gehöre etwa die demografische Entwicklung, die Entwicklung des Arbeitsmarktes, des Gesundheitswesens und präventiver Maßnahmen. Auch Verluste könnten zu einer Zuspitzung der suizidalen Krise führen, sagte Müller-Pein. 

Die Leiterin des Präventionsprogramms, Barbara Schneider, erklärte, Entschlüsse zur Selbsttötung würden oft in einer sehr kurzen Zeit gefasst. Zugleich warnte sie vor hartnäckigen Vorurteilen. Dazu gehöre etwa: “Wer von Suizid redet, wird sich nicht das Leben nehmen” oder wer das Thema anspreche, löse einen Suizid erst aus. “Die meisten Betroffenen sind froh, dass sie angesprochen werden”, betonte die Kölner Psychiatrieprofessorin. 

Ihr Ko-Leiter des Präventionsprogramms, der Kasseler Medizinprofessor Reinhard Lindner, warnte vor einer Stigmatisierung psychischer Erkrankungen. Dies erschwere auch suizidalen Menschen die Suche nach Hilfe und Unterstützung. 

Katja Rauchfuß von jugendschutz.net forderte die Medien zu einer zurückhaltenden Berichterstattung über Suizide auf. Weiter verwies sie auf Gefahren und Risiken in Internetdiensten für Jugendliche. Inhalte, die früher in sogenannten Pro-Suizidforen zu finden waren, gebe es heute auf zahlreichen populären Social-Media-Plattformen. 

Rauchfuß plädierte dafür, Portale, “die prosuizidale Inhalte verbreiten, also beispielweise Methoden und Orte nennen und beschreiben oder Möglichkeiten bereitstellen, sich zum Suizid zu verabreden, sollten nicht erwähnt werden”. Zu groß sei die Gefahr, dass insbesondere junge Menschen in suizidalen Krisen dadurch erst davon erfahren. Auch sollte vermieden werden, über Hintergründe, Auslöser und Motive eines individuellen Falles zu berichten oder zu mutmaßen. Diese Art von Berichten ermögliche eine Identifikation mit Problemen und Umständen der Person, die sich getötet hat. 

Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) geht weltweit von jährlich 800.000 Suiziden aus. Schätzungsweise kämen auf jeden Suizid etwa zehn bis 20 Suizidversuche. Von einem Suizid sind laut WHO bis zu 135 Angehörige betroffen. Die Zahlen für Deutschland beruhen auf der Gesundheitsberichterstattung des Bundes.

Zum Welttag der Suizidprävention am 10. September sind bundesweit mehrere Aktionen geplant. Die zentrale Veranstaltung ist ein ökumenischer Gottesdienst zum Gedenken an Suizidtote in der Berliner Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche (18 Uhr). In Hamburg beginnt zur selben Zeit ein Gottesdienst für alle von Suizid betroffenen Angehörigen und Freunde in der Hauptkirche St. Jacobi. Im Rahmen des Gottesdienstes und bei anschließenden Gesprächen stehen kompetente Ansprechpartnerinnen und Ansprechpartner zur Verfügung, um auch mit den Menschen ins Gespräch zu kommen, die Hilfe benötigen und sich mit suizidalen Gedanken tragen. Der Gottesdienst wird von Hamburger Selbsthilfegruppen und der Kirche gemeinsam gestaltet. (epd/rd)

Krisen-App

Mit einem kostenlosen App-Angebot will die ökumenisch organisierte Telefonseelsorge Deutschland die Suizidprävention verbessern. Zum 10. September, dem Welttag der Suizidprävention, wird die Telefonseelsorge, unter Federführung der regionalen Einrichtung Hagen-Mark, einen App-Prototypen als sogenannten “Krisen-Kompass” der Öffentlichkeit vorstellen, wie die Telefonseelsorge Hagen-Mark ankündigte. Bis zum Jahresende soll die App dann endgültig fertiggestellt sein und in App-Stores angeboten werden.

Über bundesweite Sponsoren-Aktionen haben die Leiter der Telefonseelsorge, Birgit Knatz und Stefan Schumacher, in den vergangenen sechs Monaten 120.000 Euro für die Entwicklung der Krisen-App erhalten, wie die Telefonseelsorge mitteilte. Weitere 30.000 Euro sollen noch zusätzlich eingeworben werden, um die App mit einem weiteren Analyse-Instrument zu ergänzen. 

Zu den Angeboten der App gehören den Angaben zufolge Listen mit Beratungsstellen und privaten Vertrauenspersonen und Notfallnummern. Außerdem soll es Vorschläge zur Entspannung und zur Soforthilfe geben sowie die Bereitstellung eines akuten, individuellen Krisenplans. Der Krisen-Kompass richte sich nicht allein an Suizid-Gefährdete, sondern an alle Menschen, die sich Sorgen um jemand anderen machten, hieß es. Das Angebot könne auch zur Trauerbegleitung für Angehörige genutzt werden. (epd)