Mit „Freud”
auf der Couch

Abgründig: Robert Finster als Freud in der gleichnamigen Netflix-Serie. Foto: Netflix

Wieviel „Freud“ steckt in der gleichnamigen neuen Netflixserie? – Fragen an einen Psychoanalytiker

Nach der Premiere auf der Berlinale kann die Serie „Freud“ seit Ende März auf Netflix „gestreamt“ werden. Aber wieviel Freud steckt wirklich in der Serie – und in der aktuellen Psychoanalyse? Wir haben einen Bremer Analytiker gebeten, sich auf die Couch zu legen und die Serie anzuschauen. Das anschließende Gespräch darüber fand im Sitzen statt.

EPPENDORFER: Herr Ganser, Sie haben sich über Ostern für uns die Serie „Freud“ angeschaut. Wie fanden Sie es?
THOMAS GANSER: Spontan und ganz unanalytisch würde ich sagen: Das ist von der Ästhetik her recht mysterymäßig und reißerisch. Freud trägt ja Züge eines Profilers, ein wenig wie Sherlock Holmes. Das habe ich erst eher skeptisch abgetan, war dann aber doch erstaunt, dass mehr und mehr historische Daten und Eckpfeiler auftauchten. Und dann fand ich es gar nicht mehr so schlecht.

Der Trailer zur Netflix-Serie “Freud”

Was hat die Serie mit Freud zu tun?
Freud als konkrete Person, oder Freud als Ideengeber, das wäre die Frage. Vom frühen Freud sind schon eine Reihe biographische Daten mit verarbeitet, wie z.B. von ihm erlebte Schwäche des Vaters oder auch seine Kokainphase, wobei er ja in der Serie als wirrer Kokainsüchtiger dargestellt wird, das ist natürlich in der Form Quatsch. Er war zwar begeistert davon, aber in der Serie wird das in eine reißerische Ästhetik gegossen, damit man das heute auf Netflix verkaufen kann. Was ich aber gar nicht schlecht finde für die Psychoanalyse: Denn vielen ist die ja sehr fremd geworden, seit sie an den Universitäten auch nicht mehr gelehrt wird. Und deswegen freue ich mich rein politisch-taktisch über jede Serie, die Freud überhaupt ins Gespräch bringt.

Das wäre auch meine nächste Frage: Inwieweit nutzt diese Serie der Psychoanalyse?
Also sie nutzt, weil sie die Psychoanalyse vielleicht bei jüngeren Leuten wieder ein Stück ins Alltagsbewusstsein rückt. Dabei ist es natürlich eine sehr alte Psychoanalyse, oder eben erst ihre Entdeckung, die da ins Gespräch gebracht wird. Wenn Sie jetzt fragen, in welcher Weise repräsentiert die Serie Psychoanalyse, dann ist das natürlich nur ein ganz bestimmter Ausschnitt. Da geht es mehr um eine manifeste Ebene, also Freud als junger Arzt, bevor er überhaupt erst anfing, die Psychoanalyse zu entwickeln und aufzuschreiben. Da ist sie eben konkretistisch als Kriminaldrama aufgefächert und weniger die Ideengeschichte. Oder überhaupt die enorme historische Leistung, was da im medizin-psychologischen Diskurs eigentlich entstanden ist: Das ist natürlich sehr unterbelichtet, wird aber angedeutet.

Könnte die Serie nicht auch abschreckend wirken?
Ja, wenn das gleichgesetzt wird: Also das Genre mit dem, was tatsächlich in den Behandlungen passiert. Sie sehen ja hier die Couch…das läuft hier natürlich nicht so spektakulär ab mit Blut und Hysterie. Wobei es natürlich auch dramatische Szenen in den psychoanalytischen – heute würde man wohl sagen – psychodynamischen – Therapien gibt, aber nicht in dem Ausmaß. Insofern stimmt es, das kann natürlich abschreckende Wirkung haben. Da bin ich vielleicht auch professionsblind, weil ich natürlich einschätze, wie es in der Serie auf mich wirkt. Dass es für Laien durchaus abschreckend wirken kann, weil es unmittelbar für bare Münze genommen wird, darauf bin ich jetzt noch nicht gekommen.

Die einzelnen Folgen sind ja nach so typischen Freud-Begriffen benannt. Finden Sie das inhaltlich wieder?
Ich konnte es häufig nicht der Serienfolge direkt entnehmen, aber mit meinem Wissen in der Serie entdecken. Unser eigener Blick strukturiert ja auch, was wir sehen. Die Folge „Trieb“ zum Beispiel: Es geht nur um Blut, um Sex, um Suggestion, da geht es ja schwer zur Sache. Da werden Leute umgebracht. Man kann die Dramatik dieser Folge z. B. so lesen, dass der Regisseur versucht hat, das, was Freud etwas mystifizistisch „Trieb“ genannt hat, dort darzustellen. Aber es ist ja keine Wissenschaftsdokumentation, sondern eine Unterhaltungsserie, insofern bleiben die Überschriften der einzelnen Folgen natürlich ein bisschen oberflächlich.

Wieviel Freud steckt denn in der heutigen Psychoanalyse?
Es gibt mehr Freud, als man so denkt. Einige Patienten kommen in die Praxis und sagen „Huch, Sie haben ja eine Couch, ich dachte das gibt’s nur im Kino.“ Also es ist ein bisschen aus dem Alltagszeitgeist verschwunden. Aber das Psychische überhaupt als solches zu erfassen, ist die Grundlage für alle Psychologien. Die sich natürlich weiterentwickelt haben, heute gibt es Verhaltenstherapien und es wurden weitere Verfahren innerhalb des Krankenkassensystems zugelassen, auch der Umgang mit dem Psychischen ist heute vielfältiger geworden. Wir haben es heute mit einem Pluralismus zu tun, auch innerhalb der Psychoanalyse selbst. Aber Freud hat eben das Psychische in einer Weise thematisiert, wie das sonst kein anderer so verdichtet hat.

Sie schauen sich ja öfter beruflich Filme an, so auch für das Bremer Kino-Projekt „Psychoanalytiker kommentieren Filme“. Wie läuft das ab?
Es wird ein Film komplett gezeigt, und danach gibt es einen Kommentar zu dem Film. Ein Analytiker oder eine Analytikerin hält danach eine halbe Stunde lang einen Vortrag darüber, wie er oder sie den Inhalt des Films auf psychoanalytische Weise versteht. Und dann wird hinterher mit dem Publikum diskutiert, die Menschen können Fragen stellen, Meinungen austauschen.

Aber Sie zeigen da nicht nur Woody-Allen-Filme, oder?
Nein. Es muss in dem Film keine Psychoanalyse auftauchen, um über Psychoanalyse zu sprechen. Die Psychoanalyse ist ja auch eine Art Erkenntnistheorie, nicht nur Therapie. Und dann kann man von dort aus einen anderen Zugang zu dem Film herstellen als das ein Theaterregisseur machen würde oder ein Filmemacher, der auf ganz andere Aspekte gucken würde. Deswegen ist es unabhängig von der Handlung.

Und wenn Sie jetzt mit Ihrem Blick nochmal auf die Serie schauen, wie würden Sie das kommentieren?
Dieses unheimliche, dieser Mystery-Effekt, Mord und Totschlag, ist jemand ganz bei Sinnen oder ist er doch hypnotisiert – man wird sozusagen affektangesteckt. Und das macht die Serie relativ gut: Die Übertragung der Atmosphäre des Unheimlichen auf den Zuschauer funktioniert.

Also Prädikat „analytisch wertvoll“ – die Übertragung funktioniert?
Naja, analytisch wertvoll – ich würde sagen: von der Affektansteckung her wertvoll. Nicht analytisch. Denn wenn Sie jetzt durch die Serie verstehen wollen, was Psychoanalyse ist: Da muss man leider Abstriche machen. Aber ich würde Sie jetzt gern fragen: Wie war denn ihr Eindruck?

Ich fand es ehrlich gesagt eher abgedreht. Diese ganzen mystischen Geschichten und dann verwoben mit dem Kriminalfall – puh. Ich fand es recht überladen.
Das kann ich gut nachvollziehen.

Als wir unseren Gesprächstermin gemacht haben, hatte ich einen Teil der Serie gesehen, aber noch nicht alles. Und als ich dann zur Vorbereitung auf das Interview den Rest gesehen habe, habe ich oft an Sie gedacht: Dass Sie sich das über Ostern angetan haben, die Serie für uns anzuschauen.
Also nach dem Motto: Was tun Sie Ihrem Interviewpartner an?

Genau. Also wenn Sie so wollen, hat die Serie bei mir Schuldgefühle ausgelöst.
Aha! Das ist spannend. Da sehen Sie, wie jeder auf die Serie mit Eigenanteilen reagiert. Und die sind eben sehr individuell ausgeprägt.

Interview: Karolina Meyer-Schilf

Die achtteilige Serie „Freud“ ist eine österreichisch-deutsch-tschechische Gemeinschaftsproduktion und seit dem 23. März 2020 beim Streamingdienst Netflix verfügbar. Die Handlung verwebt die Biographie des jungen Arztes Sigmund Freud mit einem fiktiven Kriminalfall und einer Verschwörung gegen das österreichische Kaiserhaus. Die Kritiken fielen gemischt aus.