„Friesenjunkies”

Otto spielt nicht wirklich mit, aber heizt in einer Szene ein - im Club! © ARD Degeto Film/hr/Radio Bremen/Kleine Brüder GmbH/Ostkreuz

Früher aus Schulen und Vereinen rausgeflogen, unangepasst – und eine ganz besondere, eigene Art des Humors und der Comedy prägend: das sind die Hamburger Zwillinge Emil und Oskar Belton, die vor wenig zurückschrecken. In ihrer Produktionsfirma „Kleine Brüder“ schneiden, produzieren und kreieren sie Stoffe, bei denen sie auch noch selbst mitspielen. 2021 gelang der Durchbruch mit der Supermarkt-Mockumentary (eine Serie, die so gefilmt ist, als handele es sich um eine echte Dokumentation) „Die Discounter“. Die dritte Staffel der Prime-Video-Serie gewann 2024 den Deutschen Fernsehpreis als beste Comedy-Serie. Für „Player of Ibiza“ über toxische Männlichkeit erhielten sie ein Jahr später den Grimme-Preis. So rückten sie langsam, aber sicher vor gen ARD. Fürs Erste tauchten sie jetzt mit gerade einmal 27 Jahren tief ein in das Genre der „Suchtcomedy“ – wofür gleich eine ganze Schar namhafter Schauspieler in der fiktiven Luxus-Suchtklinik „Isebek“ („weil Ihre Seele fünf Sterne verdient“) eincheckte.

Und sich voll des Lobes äußerte. Martin Brambach jedenfalls, der auf unnachahmliche Art den einsamen, langjährigen Spiegeltrinker Buggi darstellt, spricht von einer irrsinnigen Intensität der Arbeit, die er so noch nicht erlebt habe: „Eine der schönsten und intensivsten Arbeiten meines Lebens!“ Warum gerade diese Mischung aus Komik und Tragik so wirkungsvoll sein kann? „Komik ohne Tragik ist Klamauk. Unter jeder wirklichen Komik liegt eine existenzielle Not, ein furchtbares oder peinliches Scheitern … Vielleicht würden wir die Tragik unserer Existenz ohne Schadenfreude und Humor gar nicht ertragen“, so Brambach.

„Komik ohne Tragik ist Klamauk”

Schauspielerisch eine Meisterleistung: Rund 90 Prozent seien improvisiert, schätzten die Zwillinge im Filmgespräch nach der Premiere auf dem Hamburger Filmfest. Die SchauspielerInnen tauschten sich zur Vorbereitung mit TherapeutInnen, Pflegepersonal, Suchtkranken und PsychiaterInnen aus. Dieses Wissen floss natürlich in die Dialoge ein.
Gezeigt werden verschiedenste Ausprägungen von Sucht, immer gekleidet in absurde Geschichten und Konflikte: Die Belton-Brüder selbst spielen die „Geschwister Fürchterlich“ Josef und Otto, die keine Grenzen kennen und sich etwa den Namen „Friesenjunkies“ tätowieren lassen. Der hochsensible Falko (Shadi Eck) kämpft gegen seine Cannabissucht und ist ein notorischer Lügner. Dann wären da z. B. noch die medikamentenabhängige Madison (Sylvie Meis), die heimlich rückfällige ehemalige Mode-Ikone Gabi (Nicole Heesters) – und dann landet per Hubschrauber auch noch Cyrus (Arman Kashani), Erbe einer reichen persischen Dynastie, auf der Insel.

Die Tiefenpsychologin kommt vom „Drob Inn”

Auch das Personal hat es in sich. Chefärztin Prof. Dr. med. Kowalke (Marie-Lou Sellem) ist ein Kontrollfreak und in steter Sorge um leere Betten. Der schusselige Psychiater Dr. Mangerius (Peter Kurth) an ihrer Seite ist ein Hochstapler, sein Doktortitel ist erkauft. Tiefenpsychologin Beiersdorf (Pheline Roggan) ist tough, unaufgeregt und rational. Sie hat acht Jahre beim „Drob Inn“ in Hamburg, einer Kontakt- und Beratungsstelle für Suchterkrankte, gearbeitet und daher „alles schon gesehen“ – so beschreibt das Pressedossier ihren Charakter.

Eine weitere Hauptrolle spielt natürlich Sylt, die Insel der Reichen und Schönen. Da darf die sogenannte Whiskymeile natürlich nicht fehlen. Sogar Otto ist kurz im Bild – er singt im Pony Club. Die Serie will zeigen: Die Droge ist meist nur ein Symptom. Dahinter stecken Depressionen, Angststörungen, narzisstische Züge, Leistungsdruck und tiefe Erschöpfung. Das alles höchst skurril, tragikomisch, überzeichnet und anfangs mit irritierend schnellen Schnitten.
Insgesamt: ein Vergnügen, wenn man den Humor schätzen kann, bei dem man nie weiß, was als Nächstes passiert. Anke Hinrichs

„Die Friesenjunkies” – ab 6. November in der Mediathek und am 13./14. November nachts im Ersten zu sehen