Eine Krankheit wie ein Gedicht

Detlef bemalte sogar seine Fingerkuppen. Fotos (2): Made in Germany Filmproduktion : mindjazz pictures

Der Dokumentarfilm „Eine Krankheit wie ein Gedicht“ ist ein Familienfilm – ohne Mutter. Gezeigt wird das Verhältnis der Kölner Regisseurin, Autorin und Fotografin Jelena Ilić zu ihrem Vater. Sie treffen sich und reden und finden vor laufender Kamera einen Weg zueinander. Es ist ein Film im Zeichen der Gefahr: Denn Detlef ist nicht etwa Lehrer oder Anwalt, er ist schwer psychisch krank und wurde wegen Gewalttätigkeit vier Jahre im Maßregelvollzug untergebracht, aus dem er im Verlauf des Films entlassen wird. Am Ende steht keine Heilung, aber Besserung: Die Krankheit des Vaters wird behandelt, die Angst der Tochter rückt in den Hintergrund, je mehr die Nähe zunimmt.

Drogeninduzierte, chronifizierte schizoaffektive Psychose des manischen Formenkreises, Typ polytox, kein Morphintyp – so lautet die Diagnose des Vaters. Die Mutter erfährt erst von seiner Krankheit, als sie hochschwanger ist. Während der Psychosen wird der Vater unberechenbar und lebt seine Gewalt offen aus, auch gegen seine kleine Familie. Die Mutter macht Cleanheit zur Voraussetzung für Treffen mit dem Kind, jahrelang hat Jelena Ilić keinen Kontakt. Als Detlef hinter Gittern sitzt, fühlt sie Sicherheit. Voraussetzung für eine langsame Annäherung.


Die Kamera bahnt den Weg. „Sie schafft Abstand und bringt uns gleichzeitig näher“, schreibt Ilić. Gemeinsam erzählen sie „die Geschichte eines kranken Verbrechers, der langsam wieder zu meinem Vater wird – und von einer Tochter, die hofft, irgendwann keine Angst mehr vor ihm haben zu müssen“.

Auch Kreativität und Humor schaffen Verbindung


Und da ist noch mehr – Kreativität und Humor verbinden sie auch. Der Vater ist künstlerisch tätig. In Fotografien, Malereien und Skulpturen hat er die Welt seiner Psychosen festgehalten. Unendlich viele beängstigende Selbstporträts, aber auch Bilder verwesender Leichen. Die Tochter spricht von einem „Horrorkabinett“. Hat Alpträume nach Besuchen.


Gemeinsam haben sie über ein Comicbuch kommuniziert, das sie abwechselnd mit Zeichnungen füllten – er hinter, sie außerhalb der Gitter. Als er auf Bewährung in ein „Betreutes Wohnen“ entlassen wird, steht sie an seiner Seite. „Für mich ist er jedoch nicht nur ein Täter, dessen Taten ich zutiefst verurteile, sondern auch ein Mensch, den ich liebe, und ein Künstler, den ich bewundere.“

Das erste gemeinsame Weihnachten


Sie verbringen das erste Weihnachten zusammen. Dem Vater geht es mal besser, mal schlechter. Er ist stolz, als er sich in einer depressiven Phase Hilfe in einer Klinik holt und nicht an Alkohol oder Drogen denkt. Als er an Krebs erkrankt, nimmt er den Kampf auf. Beide nutzen es für den ersten gemeinsamen Urlaub. Sie begleitet ihn zur Rehaklinik an die Ostsee.

Am Ende gibt es ein leises Happy End. „Ich hatte genug Angst für alle zusammen und ich hoffe sehr, dass es dem Film gelingt zu zeigen, dass diese Angst keinen Platz mehr hat. Sie ist Teil der Ambivalenz, die zu der Beziehung von meinem Vater und mir dazugehört, aber neben ihr stehen auch Nähe und Akzeptanz. Und die beiden sind inzwischen einen Kopf größer als die Angst.“


„Eine Krankheit wie ein Gedicht“ ist ein warmer und trotz allem auch humorvoller Film. Er wurde mehrfach preisgekrönt. Am 8. Oktober soll er in die Kinos kommen – Empfehlung: hingehen! Anke Hinrichs