Eine einzige Verschwörung …

Anhänger der Chemtrail-Verschwörung glauben an eine systematische Vergiftung durch Kondensstreifen am Himmel - hier zu sehen am Himmel über Frankfurt im Januar 2012 (Foto: https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Contrails_near_Frankfurt_(Germany),_2012.jpg)

Hinter den Terroranschlägen von 9/11 steckte nicht Osama Bin Laden, sondern die USA selbst. Die Bundesrepublik ist kein Land, sondern eine Firma. Die Bevölkerung Europas wird im Zuge eines „Großen Austauschs“ gezielt islamisiert. Die Welt wird von außerirdischen Reptilien regiert und Flugzeuge versprühen in der Troposphäre Chemikalien, sogenannte Chemtrails, um die Menschheit gefügig zu machen – viele Menschen versuchen, Ereignisse oder Entwicklungen auf Verschwörungen zurückzuführen. Doch was genau ist eigentlich eine Verschwörungstheorie – und was nicht? Weshalb glauben Menschen an solche Behauptungen und gibt es heute mehr davon als früher? Dem gehen ein Vortrag, zwei Bücher und eine Sonderausstellung nach. 

Verschwörungstheorien sind erstmal nicht pathologisch, sondern ein wiederkehrendes Phänomen in der Geschichte der Menschheit.  Gerade in Zeiten „alternativer Fakten“ und „neuer Medien“ sind sie aktueller denn je. Prof. Dr. Michael Butter führt am 19. Juni im Mercedes-Benz Museum in Stuttgart  in die Geschichte, Wirkungen sowie Gefahren von Verschwörungstheorien   und zeigt auf, „dass ihre Popularität das Symptom für eine tiefere Krise demokratischer Gesellschaften ist“, so die Ankündigung des Veranstalter, der Daimler und Benz Stiftung. Mit Peter Knight von der Universität Manchester leitet er ein Projekt zur vergleichenden Erforschung von Verschwörungstheorien, an dem mehr als 150 Wissenschaftler aus 39 Ländern beteiligt sind. Im Frühjahr erschien sein aktuelles Buch „Nichts ist, wie es scheint: Über Verschwörungstheorien“.

In einer einzigartigen, noch bis 22. März 2020 laufenden Sonderausstellung geht derweil die Stiftung Kloster Dalheim. LWL-Landesmuseum für Klosterkultur der „Entstehung, Funktion, Wirkungskraft und Verbreitung von Verschwörungstheorien“ auf den Grund. Rund 250 Exponate führen durch 900 Jahre Geschichte und zeigen, warum Verschwörungstheorien bis heute ihre Faszination und Wirkmacht nicht verloren haben.  Besucherinnen und Besucher begegnen auf ca. 1.200 Quadratmetern Ausstellungsfläche „exklusiven Gemeinschaften, geheimem Wissen, verdeckten Machenschaften sowie Mythen und Wahrheiten aus der Welt der Verschwörungstheorien“, so die Ausstellungsmacher.

Ihr kurzer Abriss der Verschwörungstheorien-Geschichte: Im Mittelalter prägte der Teufelsglaube das Verschwörungsdenken: Hexen, religiöse Minderheiten wie die Juden aber auch mächtige Ordensgemeinschaften wie die Templer galten als Verbündete des Teufels, die dem Christentum Schaden zufügen wollen. Im 18. Jahrhundert – dem Zeitalter der Aufklärung – werden die Freimaurer und Illuminaten als die wahren Drahtzieher der politischen und sozialen Umwälzungen angesehen.  Während unter Adolf Hitler eine jüdische Weltverschwörung propagiert wird, nutzt Josef Stalin Verschwörungstheorien als Instrument seines Machterhalts, heißt es auf der lwl-homepage zur Erklärung weiter (https://www.lwl.org/LWL/Kultur/kloster-dalheim/ausstellungen/sonderausstellung/Zwischen-Fakt-und-Fiktion). „Im Kalten Krieg spiegelte sich die Konfrontation der Supermächte nicht zuletzt in Gerüchten über kommunistische Agenten und schädliche Kartoffelkäfer, die als Waffe der USA per Flugzeug abgeworfen die DDR-Landwirtschaft gefährden sollen”, heißt es dort weiter.

 

Vom Geheimnis zur Verschwörung

Weiteren Stoff bietet ein Buch der  Autoren Marius Raab, Claus-Christian Carbon und Claudia Muth („Am Anfang war die Verschwörungstheorie“, Taschenbuch, 292 Seiten; Springerverlag 2017). Sie erklären, dass man bereits von einer Verschwörung sprechen kann, wenn sich zwei Menschen verabreden und daraus ein Geheimnis machen. Auch dass der Weihnachtsmann und der Osterhase Geschenke bringen, ist genau genommen eine Verschwörung erwachsener Menschen, die ihre Kinder überraschen wollen.  Der Psychologe Marius Raab hat über Verschwörungstheorien promoviert und mit seinen Kollegen das Thema relativ allgemeinverständlich aufgearbeitet. Ob Impffolgen, giftige Gase, Überwachung oder Mordszenarien – es gibt zahlreiche Anlässe, um die sich oft vehement verteidigte Erklärungsmodelle ranken. Dabei zielen die Autoren nicht darauf ab, Verschwörungstheorien aufzulisten und auf ihren Wahrheitsgehalt hin zu überprüfen. Vielmehr geht es um die grundlegende Frage, wieso Verschwörungen die Menschheit durch alle Jahrhunderte und Kulturen begleiten. Dass Verschwörungstheorien nur dazu da sind, einfache Begründungen für irrationale Ängste zu liefern, widerlegen die Autoren schnell. 

Ausführlich widmen sie sich dem Thema Wahrnehmung, zeigen verblüffende Kippbilder und erläutern, wieso wir stets das eine oder das andere darin sehen, z.B. eine Vase oder zwei Gesichter, aber nie beides zugleich. Ebenso verhält es sich mit den Verschwörungstheorien, die entweder geglaubt oder abgelehnt werden. Entsprechend teilen die Autoren Menschen humorvoll in sogenannte „Wahnwichtel“ und „Schlafschafe“ ein. Die einen sind diejenigen, die eine Verschwörungstheorie glauben und verteidigen, die anderen schütteln nur den Kopf und sehen die Verschwörung als Hirngespinst an. Die Autoren plädieren dafür, beide Seiten zu verstehen und zeigen auf, dass Verschwörungstheorien durchaus einen wahren Kern enthalten können oder zumindest nicht zu widerlegen sind und der „Wahnwichtel“ somit durchaus ein ernstzunehmender Zeitgenosse ist. 

Verschwörungstheorien erfüllen etliche Funktionen, lernt der Leser hier, befriedigen unseren Wunsch nach Neugier, Struktur und Zusammenhang. „Nicht-Wissen auszuhalten fällt der Menschheit offensichtlich schwer und gibt immer Anlass, die Lücken mit Erfundenem zu füllen“, schreibt die Rezensentin Verena Liebers.  Die Ratschläge am Ende des Buches seien im Grunde banal, meint sie: „die Autoren mahnen den gesunden Menschenverstand und eine lebendige Skepsis an. Aber gerade diese Selbstverständlichkeiten gehen in hitzigen Diskussionen schließlich schnell verloren. Kein Buch für Menschen, die schnelle Antworten suchen, aber lesenswert für jeden, der bereit ist, die eigene Wahrnehmung zu hinterfragen.“               

 

(rd/lwl/vl/idw)