Seit 40 Jahren wird bei Blaumeier Kunst gemacht. Ob Masken, Musik, Theater, Malerei – rund 200 Aktive engagieren sich derzeit in dem inklusiven Projekt im Bremer Westen. Dieses Jahr feiert das Projekt Geburtstag.
Im Blaumeier-Atelier in Bremen-Walle ist gerade Pause. Auf dem Balkon vor dem Café im zweiten Stock sitzen Menschen in der Sonne, sofort kommen einige und stellen sich vor. „Und wer bist du?“ Einer von ihnen ist Christian Gau. Der 40-Jährige ist genau so alt wie das Blaumeier-Atelier, seit 20 Jahren ist er dabei. Zunächst im Malatelier und seit zwölf Jahren zusätzlich auch als Schlagzeuger in der Band. „Es macht mir wahnsinnig Spaß, in der Band zu spielen“, sagt er. Und erzählt von Konzerten, von Auslandsreisen, demnächst sind sie in Wales zu einem großen Festival eingeladen. Sie proben einmal die Woche und spielen Rock, New Metal, auch Pop, etwa von Taylor Swift. Mieten könne man die Band übrigens auch, sagt Christian Gau. Bei einem 60. Geburtstag mit Roland Kaiser-Musik wären sie allerdings raus: „Wir spielen keinen Schlager. Bei uns sind alle Schlagerhasser“, sagt er und lacht. Bei Konzerten wollen Fans von ihm schonmal Autogramme. „Also man kann sagen, bei mir läuft’s“, sagt er fröhlich.
„In Bremen sind wir weltberühmt!“
Es läuft auch bei Blaumeier. „In Bremen sind wir weltberühmt!“ lautete der selbstironische Titel der Geburtstagsgala im Theater Bremen, die am 14. Mai stattfand. Die Selbstironie ist fast ein bisschen tiefgestapelt, denn tatsächlich ist Blaumeier bis weit über die Grenzen Bremens hinaus bekannt. Das liegt zum einen an seiner Gründungsgeschichte, die eng mit der Auflösung der Bremer Langzeitpsychiatrie im Kloster Blankenburg verknüpft ist und mit der „Blauen Karawane“ – das inklusive Kunstprojekt zog Anfang der 90er Jahre von Triest bis nach Bremen und machte während der Reise mit diversen Aktionen auf gesellschaftliche Ausgrenzung aufmerksam. Das liegt aber auch an der hohen Qualität der Kunst, die hier gemacht wird.
Normalverrückte und Verrücktnormale arbeiten hier zusammen
Offen ist das Atelier für alle. „Wir fragen nicht nach Diagnosen und haken keine Prozente ab“, sagt Sprecherin Karolin Oesker. Blaumeier habe keinen therapeutischen Auftrag. „Es geht immer um die Kunst“, sagt Karolin Oesker. „Mühe allein zählt nicht“, ergänzt sie und lacht. Normalverrückte und Verrücktnormale, wie sie hier sagen, arbeiten zusammen. Blaumeier ist ein Freizeitangebot, fast alle Kurse sind nachmittags und abends. Auch Christian Gau arbeitet tagsüber als Gärtner. „Aber ich muss schon sagen: Blaumeier ist geiler“, sagt er. Dass er etwa seine Bilder mal in Riga oder in Oslo ausstellen würde, hätte er sich früher nicht vorstellen können. Das Gefühl, etwas grundlegend selbst zu erschaffen – „vom Spannen der Leinwand über das Grundieren bis zum fertigen Bild“ – sei unglaublich.
Rund 200 aktive Künstler widmen sich der Malerei, dem Theater, der Musik oder Fotografie. „Die Menschen, die hierherkommen, haben oft schon eine genaue Vorstellung, was sie machen wollen“, sagt Alfons Römer-Tesar, selbst Künstler und bei Blaumeier seit vielen Jahren zuständig für die Organisation. Man brauche auf jeden Fall künstlerische Neugier.
Aktuelle Kunst der Nachwuchsgruppe „Blaue Sau“
Wie sich die Kunst im Laufe der vergangenen 40 Jahre verändert hat, wird in der Ausstellung „Ein guter Anfang“ zu sehen sein, die seit dem 12. Juni im Wilhelm Wagenfeld Haus gezeigt wird. Hier werden historische Werke der ersten Blaumeier-Künstler mit der aktuellen Kunst der Nachwuchsgruppe „Blaue Sau“ gemeinsam gezeigt. Tatsächlich sind die Voraussetzungen derer, die sich mit und ohne Behinderung oder Psychiatrieerfahrung bei Blaumeier engagieren, heute deutlich anders als in früheren Zeiten. „Heute haben viele bereits ein inklusives Schulsystem durchlaufen. Auch die Erfahrungen mit der Psychiatrie sind völlig andere“, sagt Alfons Römer-Tesar.
Was Langzeitpsychiatrie mit Menschen macht, konnte er in den Anfangsjahren von Blaumeier direkt erleben: „Bei den ehemaligen Patienten des Klosters Blankenburg war die ursprüngliche Erkrankung, wegen der sie in Blankenburg waren, gar nicht mehr erkennbar, weil sie so hospitalisiert waren.“ Jahre, oft Jahrzehnte in einer Psychiatrie verwahrt zu sein und dort mit Medikamenten ruhiggestellt zu werden ist heute auch dank der Protestbewegung der Blauen Karawane kaum noch vorstellbar.
„In den Anfangsjahren ging es um Bemündigung“, sagt Alfons Römer-Tesar. Wer sich heute bei Blaumeier engagiere, komme aber mit ganz anderen Fragen nach Autonomie. „Wir arbeiten immer mit den Stärken der Menschen und nicht mit den Schwächen. Was kannst du? Was möchtest du?“ Karolina Meyer-Schilf
Jubiläumstermine:
- Juni bis 4. Oktober, Wilhelm Wagenfeld Haus: Ausstellung „Ein guter Anfang“
- September bis 20. September, Güterbahnhof: Ausstellung „Haut und Hülle“ – Malerei, Zeichnung, Skulptur
- Oktober, mehrere Termine, Blaumeier-Atelier: Theater „Happy End“ – ein Abend über das, was bleibt
(mehr unter https://www.blaumeier.de/)

Zum Jubiläum darf ein Blaumeier-Gala-Foto nicht fehlen. Foto: Sabine Mak