“Hier hat man einfach Zeit”, sagt Pflegerin Nele Rathje. Nach drei Jahren zieht die Notpflege für Obdachlose in der Hamburger Bahnhofsmission eine positive Bilanz.
Nele Rathje ist Gesundheits- und Krankenpflegerin. Sie richtet ein Tablett für Wundversorgung mit allerlei medizinischen Utensilien her. Im Haus der Bahnhofsmission am Hamburger Hauptbahnhof haben Obdachlose die Möglichkeit, ihre Wunden versorgen zu lassen. Der Raum liegt etwas abseits vom Geschehen. Wer obdachlos ist, kann kommen, ob er krankenversichert ist oder nicht. Im Schnitt dauere ein Besuch eine Stunde, manchmal aber auch zwei oder drei. Das gefällt Nele Rathje, die auch in einer Hamburger Krankenhaus-Notaufnahme arbeitet: „Hier hat man halt viel Zeit.“
Kathrin Macke, Leiterin des Notpflegeangebots, erzählt von einem Mann, der draußen immer am selben Ort saß und seinen Arm abdeckte. Bald stellte sich heraus, dass er eine Wunde hatte. Der Mann trug drei Jacken übereinander, die mit seiner Wunde verklebt waren. Kathrin Macke schnitt sie auf. Der Gast – hier wird niemand Patient genannt – ging unter die Dusche. Es stellte sich heraus, dass die Wunde nicht so tief war. Nach zwei Tagen hatte sich der Zustand deutlich verbessert, nach fünf Tagen war der Arm fast abgeheilt.
„Das war unser christlicher Auftrag”
„Diese Seite von Obdachlosigkeit geht manchmal unter“, sagt Axel Mangat, Vorstand der Hoffnungsorte Hamburg und Mitbegründer des Angebots. Vor drei Jahren begann das Projekt „Notpflegeangebot“, gemeinsam mit den Johannitern und Maltesern. Es war sofort klar: „Das war unser christlicher Auftrag“, sagt Ramona Buchholz, Malteser-Geschäftsführerin. Die begleitende wissenschaftliche Evaluation durch die Hochschule am Rauhen Haus habe gezeigt, dass eine Lücke bestand, diese sei jetzt geschlossen. Die Notpflege sei ein Baustein für eine menschliche Stadt, der Gesundheit und Würde schaffe.
Kathrin Macke ist eine von vier hauptamtlichen Alten-, Gesundheits- und Krankenpflegerinnen und -pflegern.
5058 Kontakte in drei Jahren
Sie nennt Zahlen: Es gab seit April 2023 insgesamt 5.068 Kontakte zu 1.068 Gästen, 70 Prozent seien Männer. Die Notpflege versorgte 2.448 Wunden und 502 Mal Ungeziefer.
Und das Geld? Die Notpflege kostet 300.000 Euro im Jahr. Die ersten drei Jahre seien maßgeblich von der Fernsehlotterie finanziert worden, bis zum Jahresende 2026 helfe das Hamburger Spendenparlament. Derzeit laufen Verhandlungen mit der Stadt Hamburg und der Sozialbehörde, am Ende entscheidet die Hamburger Bürgerschaft. Im Spendenparlament, sagt die Chefin der dortigen Finanzkommunikation, Brigitte Hullmann, sei der entsprechende Beschluss einstimmig gefallen.
Wie notwendig eine solche Notpflege ist, spreche sich langsam herum. Wer auf der Straße lebe, sei nicht gesund, sagt Teamleiterin Macke. Sie bedauert hörbar, dass sie ihre Gäste wieder auf die Straße zurückschicken muss. „Es braucht weitergehende Unterstützung“, sagt auch Axel Mangat.
Frank Berno Timm (epd)

Niedrigschwellige Hilfe am Hamburger Hauptbahnhof. Foto: Bente Stachowske