Wo Geschichte bleibt – und lebt

Ilse Eichenbrenner ist Sozialarbeiterin und arbeitete als solche lange im Sozialpsychiatrischen Dienst Berlin-Charlottenburg. Ferner ist sie bis heute Dozentin und vielseitige Autorin – und BAS-Archivarin der ersten Stunde. Foto: Hinrichs
  • Ein Besuch im Berliner Archiv für Sozialpsychiatrie

Geschichte wird nicht nur fortwährend gemacht, sie will auch überliefert und erinnert werden – und dafür braucht es eine Heimat. Die Geschichte der deutschen Sozialpsychiatrie hat 2018 ein Zuhause gefunden, und zwar da, wo sie auch hingehört. Mittendrin in der Berliner Gemeindepsychiatrie. Als Projekt der Berliner Gesellschaft für Soziale Psychiatrie, räumlich verortet im Gemeindepsychiatrischen Zentrum der Pinel gGmbH – in der Dominicusstraße in Berlin-Schöneberg. Noch provisorisch, aber inzwischen professionalisiert, haben hier drei „Altvordere“, wie sie sich selbst nennen, bis dato 16.535 Briefen, Büchern, Film- und Tonaufnahmen und anderen Dokumenten Titel und Nummer gegeben. Der EPPENDORFER war vor Ort.

Es wirkt wie ein geheimer Ort. Ein Kellergang, der Putz rieselt von den Wänden. Wäschelager, steht an der vermutlich feuerfesten Metalltür, darunter „nicht verschließen“, handschriftlich, mit Filzstift. Dahinter öffnet sich ein Raum, geht der Blick in eine Bibliothek – im korrekten Archivdeutsch „Depot“ genannt – in der sich zwischen Metallregalen Aktenordner an Aktenordner, Karton an Karton, vieltausendfache Schätze auf vergilbendem Papier stapeln. Aller Anfang ist im wahrsten Sinne historisch-provisorisch. Mit Aussicht auf Moderne: Wenn der Altbau saniert ist, ist ein Umzug in größere und moderne Räume im künftigen „Centre Philippe Pinel“ geplant. „Dann können wir auch mal selbst Veranstaltungen machen“, sagt Ilse Eichenbrenner.

Umzug ins künftige “Centre Philippe Pinel” geplant


Die pensionierte Sozialarbeiterin, DGSP-Aktivistin und Autorin sitzt normalerweise oben, im kleinen Erdgeschoss-Büro, gemeinsam mit ihren Archiv-Mitstreitern Holger Kühne und Christian Reumschüssel-Wienert. Alle drei Rentner, alle über 70, alle nicht willens, nur noch die Beine auf den Tisch zu legen und immer noch engagiert. Sie teilen die Arbeit auf: Holger Kühne und Christian Reumschüssel-Wienert organisieren und fahren herum, Neuzugänge abholen. Ilse Eichenbrenner sitzt an 2-3 Tagen in der Woche drei bis vier Stunden vor einem großen Bildschirm, erfasst Dokumente und Bücher und vergibt Titel für eine Schlagwortsuche über das Archivsystem Citavi. Die Arbeit der drei ist ehrenamtlich. Die Sachkosten wie Miete, Telefon etc. werden aus Lottomitteln bzw. über den Paritätischen finanziert. Wunschziel ist eine feste Förderung.

50 Jahre alte Protokolle von Psychiatriebesuchen in Bayern


Aller Anfang lag übrigens bei Gunther Kruse aus Hannover, der mit einem großen Audi eine umfangreiche Lieferung Bücher brachte. Auch die Sammlung „Heiner Kunze“ füllt ein ganzes Regal: Er steuerte viel Material aus seiner Zeit in Denver (Colorado/USA) bei. Besonders wertvoll ist ein Ordner mit Protokollen einer Besuchstour des Ehepaars Kunze durch bayerische Psychiatrien. Das Max-Planck-Institut hatte sie 1971 beauftragt, die „soziotherapeutische Orientierung von Nervenkrankenhäusern“ in Bayern zu evaluieren. Im Archiv landeten die kompletten Unterlagen dazu – wie Merkmalskataloge, Protokolle, handschriftlich geführte Auswertungstabellen sowie die spätere Korrespondenz. „Das sind die Lustmomente der Archivierung!“ schrieb dazu Christian Reumschüssel-Wienert.
Kleiner Auszug aus damaliger Protokollierung: „Friseur: Kleiner Frisiersalon in einem der Frauenhäuser. Nur für Damen“, steht dort beispielsweise in den Beobachtungen im Bezirkskrankenhaus Bayreuth. Und handschriftlich ergänzt: „schlimmste Sta. Für Frauen: helle Schlafsäle, alle Pat. (ca. 20) in einem kleinen Raum. Mit 1 Schwester, 2 Pat. angebunden, 3 in Zwangsjacke … Bänke mit langen Tischen parallel gestellt.“


Zu den Highlights zählt auch das Schriftgut von Nils Pörksen, das den Gesamtverlauf der „Unter-AG-Extramurale Dienste der Enquete-Kommission“ 1971 bis 75 wiedergibt. Dorothea Buck nicht zu vergessen. Fritz Bremer brachte den bei ihm untergebrachten (Teil-) Nachlass nach Berlin. Darunter als besondere Preziose Vorabdaten des Buckschen Lebenswerks „Auf der Spur des Morgensterns“. Aber auch ihre umfangreiche Briefkorrespondenz wird hier archiviert. Unterlagen des Paranus-Verlags sowie Korrespondenzen zu der Reihe „Brückenschlag“ und unterschiedliche Betroffenen-Zeitschriften aus ganz Deutschland fanden ebenfalls ein Zuhause im Archiv, wo übrigens auch diverse EPPENDORFER-Jahrgänge zu finden sind.

Es muss nach Provenienz, nach Herkunft geordnet werden


Nicht zuletzt im Zusammenhang mit dem Werk von Buck ergab sich Professionalisierungsbedarf. Ordnung ist das ganze Archivleben – aber wie macht man es richtig? Am Anfang dachten sie: alles nach Stichworten sortieren. Historiker klärten auf, es muss nach Provenienz, also nach Herkunft geordnet werden. Und so reihen sich hier nun Kartons mit Sammlungen von Pörksen, Dörner, Schädle-Deininger (aus ihrer Sammlung wurde ein kleines Pflege-Archiv). Auch rostige Büroklammern und einfache Aktenordner erfüllen die Archivstandards nicht, erfuhren die Jungarchivare. Säurefreie Pappkartons sind gefragt. „Die meisten Archive sind deshalb riesig groß“, sagt Christian Reumschüssel-Wienert (der für sein Buch „Psychiatriereform in der Bundesrepublik Deutschland. Eine Chronik der Sozialpsychiatrie und ihres Verbands – der DGSP“ auch aus Quellen des Archivs geschöpft hat). Wegen der unendlichen Reihen mit Pappkartons mit jeweils nur 1-2 Aktenordnern, erklärt er. Lochen ist verboten. Und im Internet kann man sogar Videos sehen, in denen zu archivierende Blätter nur mit Handschuhen angefasst werden. Aber das gilt wohl nur für jahrhundertealte Papiere. Die ältesten Dokumente im Sozialpsychiatrie-Archiv reichen in die Nachkriegszeit zurück. Eines davon ist eine Originalübersetzung einer Kennedy-Botschaft zur damaligen Psychiatriereform in den USA aus dem Jahr 1963 – die Maria Rave-Schwank dem BAS überlassen hat.

Im Büroeingang stapeln sich aktuell Kartons von Iris Hauth


Genommen wird hier (fast) alles, was mit Psychiatrie und besser natürlich Sozialpsychiatrie zu tun hat. Im Büroeingang stapeln sich aktuell Kartons von Iris Hauth, die voriges Jahr in den Ruhestand ging. Neben wertvollen gebundenen Jahrgängen der Fachzeitung Nervenarzt ist viel Somatisches dabei. Was nicht zu gebrauchen ist oder doppelt oder gar dreifach hier ankommt, landet in der Kiste „zu verschenken“. Inzwischen wird es eng im Archiv.


Ganz besondere Momente seien die, wenn man mit alten Psychiatern oder Psychiatriemitarbeitenden in Kontakt komme und diese sagen, dies sei die einzige Möglichkeit, ihre Lebensleistung zu bewahren, so Ilse Eichenbrenner. Oder wenn Überbringer ins Erzählen kommen. „Dann erscheinen manchmal auch die Heroen der Sozialpsychiatrie in einem anderen Licht und werden Menschen wie Du und Ich“, ergänzt Christian Reumschüssel-Wienert.

Neben der Freude über neue Schätze gibt es bei den Dreien auch eine große Sehnsucht nach Menschen, die das Archivierte auch verwenden. Das kommt immer noch nicht häufig, aber ab und an vor. Mehrfach wurde z.B. von Redaktionen nach Fotos aus alten Psychiatriereform-Zeiten gefragt, die hier ebenso katalogisiert werden wie Film- oder Rundfunksendungen. Ein Journalist und Filmemacher interessierte sich zuletzt besonders für die berühmten, getippten Postkarten von Klaus Dörner. Rund 100 haben sich hier angesammelt, weitere werden gesucht! Doch was zunächst als Aufhänger für einen Film über den Doyen der Sozialpsychiatrie angedacht war, scheiterte dann doch am Geld für die Umsetzung …

Und überhaupt Dörner …


Überhaupt Dörner. Rund um ihn birgt das Archiv den wohl größten Schatz. Übermittelt von Dörners Neffen Thomas Bock. „Mir ist hier erst klar geworden, wie unentwegt er gearbeitet hat“, sagt Ilse Eichenbrenner. Materialien aus Dörners Studienzeit in Freiburg, 1955-57, gehören zu den ältesten Dokumenten dieser Sammlung. Seine winzige Schrift sei faszinierend, sagt Ilse Eichenbrenner. So zu sehen in Aufzeichnungen von teils täglichen Vorträgen, für die er sich auf Rückseiten der Einladungen Stichworte machte. Die negativen Reaktionen auf seine Gesuche um Spenden zur Veröffentlichung der Protokolle des Nürnberger Ärzteprozesses fand sie teils „schockierend“. Briefe an ihn dürfen alle mit archiviert werden – vorausgesetzt, sie sind älter als 30 Jahre alt. So liegt hier auch ein Brief von Gudrun Ensslin, 1969 in eine Schreibmaschine gehämmert und anschließend mit Rotstift handschriftlich von ihr korrigiert.


Es sind vor allem die umfangreichen Dörner-Dokumente, die förmlich nach einer Biographie-Arbeit rufen. Sie werden allerdings vom Umfang her von einem „Altvorderen“ einer viel früheren Zeit getoppt. Von Alexander von Humboldt seien 270 Aufsätze und Bücher und mindestens 30.000 Briefe überliefert, weiß Christian Reumschüssel-Wienert zu berichten. Nicht getippt, wohlgemerkt, sondern per Gänsekiel aufs Papier gekratzt … Anke Hinrichs


Die Akteure im „Berliner Archiv für Sozialpsychiatrie“ (BAS) in der Dominicusstraße 5-9 freuen sich über neue Zugänge zur Geschichte der Sozialpsychiatrie und über an der Geschichte und dem Archiv interessierte Besucher!
Kontaktdaten: Ilse Eichenbrenner (ilseeichen@gmail.com), Christian Reumschüssel-Wienert (ChristianR.Wienert@t-online.de, Telefon 0151 68449075) und Holger Kühne (holix.kuehne@t-online.de, Telefonnummer 0160 516 34 24).