Notizen aus
Niedersachsen

Das Leineschloss in Hannover ist seit 1962 Sitz des Niedersächsischen Landtags. Foto: Tim Rademacher/ https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Hannover_Leineschloss.jpg#filehistory

In der Kolumne „Notizen aus Niedersachsen“ greifen Vertreter des unabhängigen Landesfachbeirats Psychiatrie Niedersachsen (LFBPN) seit vielen Jahren einzelne, aus ihrer Sicht relevante Themen des Landes auf. Künftig sind daran im Wechsel auch Vertreterinnen der Landesstelle Psychiatriekoordination Niedersachsen (LSPK) beteiligt. Die aktuellen Notizen werden jeweils kurz nach Erscheinen in der EPPENDORFER-Printausgabe auf die Homepage gestellt.

Aus der Ausgabe 6/2020:

Besser vernetzen – Gemeinsam mehr erreichen

Die Leserinnen der Notizen werden es schon erwartet haben: Heute keine Notizen von Wolfram Beins! Wolfram Beins, der die Psychiatrielandschaft in Niedersachsen gestern wie heute nachhaltig gestaltet und geprägt hat, zieht sich zurück. 30 Jahre lang begleitete uns seine wertschätzende, offene Art, die auch bei heiklen und kritisch diskutierten Themen stets reflektierend und zugewandt war. Er fand u.a. in den Notizen aus Niedersachsen immer passende, wenn auch nicht immer unkritische Worte, um die Lage der psychiatrischen Versorgung in Niedersachsen zu skizzieren.

Heute nun übernehmen wir (die Landesstelle Psychiatriekoordination Niedersachsen – LSPK) in rotierender Autorinnenschaft gemeinsam mit Vorsitzenden des Landesfachbeirates Niedersachsen diese Kolumne. Als vernetzende Landesstelle freuen wir uns ganz besonders, mit dem EPPENDORFER ein weiteres Forum zur Darstellung unserer Arbeit und damit auch der Geschehnisse der aktiven Psychiatrielandschaft Niedersachsens zu finden.Wir setzen uns für einen barrierefreien landesweiten Informationsfluss ein, der Psychiatrieerfahrene und ihre Angehörigen, Professionelle aus Versorgung und Wissenschaft und die Politik gleichermaßen erreichen, unterstützen und vor allem zusammenbringen soll – für eine vernetzte Versorgungslandschaft, in der erfolgreich und auf Augenhöhe gemeinsam und an gemeinsamen Zielen gearbeitet wird. Das Publikationsmittel unserer Wahl ist hier – und gerade aktuell – das Internet. Sie finden uns unter www.psychiatriekoordination-nds.de.

Im September startete die fünfteilige Reihe „Lesungen im Dialog“ der LSPK. In Online-Lesungen bringen Autorinnen den Zuhörerinnen Psychiatrie auf einem etwas ungewöhnlichen Weg nahe – über Literatur. Damit steht die Reihe im Spannungsfeld zwischen Abendprogramm und Informationsvermittlung. Zum Auftakt wurde es spannend. Psychiater und Autor Thorsten Sueße las aus seinem Krimi „Schöne Frau, tote Frau“. Im begleitenden Dialog berichtete er aus seiner beruflichen Praxis, klärte über Schizophrenie auf und umriss die Aufgaben eines Sozialpsychiatrischen Dienstes.

An anderer Stelle machen sich derweil fünf Regionen auf den Weg zu eigenen Gemeindepsychiatrischen Zentren (GPZ). Prozesshafte Unterstützung erhalten die Akteure aus Cuxhaven, Braunschweig, Wolfsburg, Harburg und dem Heidekreis in einer begleitenden trialogisch aufgebauten Projektgruppe. Es beteiligen sich weitere Expertinnen aus Versorgung und Wissenschaft sowie Vertreterinnen von Psychiatrieerfahrenen und Angehörigen. Im Rahmen dessen hat das Sozialministerium eine Ausschreibung zur Entwicklung von Standards und Qualitätsindikatoren für den Aufbau und die Prozesse von GPZ veröffentlicht. Wir sind gespannt, wer die Projektgruppe zukünftig fachlich flankieren wird. Die nächsten Monate und Jahre werden ereignis- und erkenntnisreich. Vieles ist in Bewegung und besitzt das Potential, die psychiatrische Versorgung in Niedersachsen nachhaltig zu verändern.

Weitere positive Nachrichten erreichten uns: Das Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend fördert in den niedersächsischen Landkreisen Heidekreis, Lüchow-Dannenberg und der kreisfreien Stadt Wilhelmshaven den Aufbau von „Lokalen Allianzen für Menschen mit Demenz“. In den regionalen Netzwerken arbeiten Institutionen, Kommunen, Versorger und andere Akteure zusammen, um Menschen mit Demenz und ihre Angehörigen vor Ort bestmöglich zu unterstützen, Angebotstransparenz zu schaffen, Angebote aufeinander abzustimmen und Innovationsplanung anzustoßen. Nicht zuletzt die Situation während des Lockdowns hat gezeigt, dass die Versorgung von Menschen mit Demenz sensibler, integrierter und krisenfester Ansätze bedarf – die zuallererst auf eine unbedingte Zusammenarbeit mit den Angehörigen setzen.

Zu guter Letzt: In guter alter Tradition findet auch in diesem Jahr wieder das Gerontopsychiatrische Symposium statt. Am 18.11.2020 laden die Gerontopsychiatrischen Kompetenzzentren, als ebenfalls vom Land geförderte Initiativen, zum virtuellen fachlichen Austausch ein. Kommen Sie dazu! Die LSPK wird diese und weitere Entwicklungen auch zukünftig begleiten und wo es uns möglich ist, unterstützen.


Jeanett Radisch, Marius Haack
(Landesstelle Psychiatriekoordination Niedersachsen)

(Anmerkung der Redaktion: Unmittelbar nach Erscheinen dieser Notizen rotierte das Personalkarussell: Marius Haack wechselte in die Pandemieplanung für Niedersachsen. Seine Aufgaben in der Landesstelle Psychiatriekoordination übernahm die studierte Gesundheitsmanagerin Sandra Surrey. Sie ist bereits seit 2011 als Fachreferentin für Gesundheitsförderung bei der Landesvereinigung für Gesundheit und Akademie für Sozialmedizin Niedersachsen e. V. tätig.)

Aus der Ausgabe 5/2020:

Wie machen wir weiter?

Wie machen wir weiter – Diese Frage beschäftigt mich mehr als sonst bei der Vorbereitung für die Notizen aus Niedersachsen. Durch Corona sind wir gezwungen, persönliche Begegnungen drastisch einzuschränken. Seit März haben keine Sitzungen mehr stattgefunden, wir haben uns nur notdürftig in Telefonkonferenzen abstimmen können. Große Bewegungen sind dadurch nicht entstanden. Die Arbeit fand überwiegend im Home-Office statt und war auch auf das Nötigste beschränkt. In der Aussicht auf länger andauernde Einschränkungen durch die Pandemie haben die Stellen im Land die Digitalisierung vorangetrieben. Jetzt versuchen wir es mit Videokonferenzen, da können wir uns wenigstens auch optisch verständigen und die Besprechungen werden weniger anstrengend. 

Für mich kommt noch eine persönliche Veränderung hinzu. Seit Anfang des Jahres bin ich aus der beruflichen Tätigkeit in der Psychosozialen Beratungsstelle in Celle ausgeschieden und genieße mittlerweile das aktive Rentnerleben. Auch damit stellt sich die Frage wie wir weitermachen.

Wir werden diese Notizen aus Niedersachsen auf verschiedene Schultern verteilen. Die Leser des EPPENDORFER werden künftig von mehreren Autorinnen und Autoren über die psychiatrischen Entwicklungen in Niedersachsen informiert. Es werden die Mitstreiter im Vorstand des Landesfachbeirats Psychiatrie zu Wort kommen – und auch ich bleibe noch etwas am Ball. Ferner soll auch die neue Landesstelle Psychiatriekoordination an dieser Stelle über ihre Aktivitäten berichten.

Deeskalation auf Akutstationen und bauliche Planungshilfen

Es gibt noch einiges zu tun und es tut sich was. Der Landesfachbeirat beschäftigt sich gerade mit Konzepten für eine deeskalierende Gestaltung von psychiatrischen Akutstationen. In enger Abstimmung mit dem Psychiatriereferat des Sozialministeriums werden demnächst Planungshilfen zu baulich-architektonischen Strukturen von psychiatrischen Akutstationen formuliert. Wir möchten, dass sich zukünftig alle Krankenhausplaner hieran orientieren.

In Zusammenarbeit mit EX-IN in Niedersachsen werden wir Empfehlungen zum Einsatz von Genesungsbegleiterinnen und Genesungs- begleitern in psychiatrischen Einrichtungen herausgeben und proaktiv der Perspektive der Nutzerinnen und Nutzer mehr Gehör verschaffen. Dazu gehören auch Angebote zur Stärkung der Selbsthilfe. Wir wollen erheben, wo der Lockdown Selbsthilfepotenziale gestärkt hat und wo sich Defizite in der sozialpsychiatrischen Versorgung gezeigt haben. Wir werden dann möglicherweise die Balance von Selbsthilfe und professioneller Unter-stützung neu ausloten müssen.

Auf dem Programm steht weiterhin das Angebot von Open-Dialog-Fortbildungen. Wir wollen die guten Erfahrungen mit dieser Form der Netzwerkgespräche aufgreifen und die Arbeit in den Behandlungs- und Unterstützungsangeboten und der regionalen Versorgungsstruktur besser machen.

Verbindlichere Koordination mit Hausärzten

Zur Verbesserung der Versorgungsstruktur und Zusammenarbeit gehört auch eine verbindlichere Kooperation mit den niedergelassenen Hausärzten in Niedersachsen. Wir wollen in Zusammenarbeit mit dem niedersächsischen Hausärzteverband bessere Unterstützungen für Hausärztinnen und Hausärzte durch die psychiatrischen Leistungserbringer entwickeln. Immerhin sind die Hausärzte oftmals die erste Anlaufstelle bei psychischen Krisen, und in einem Flächenland wie Niedersachsen bleiben sie häufig auch weiter Behandler für viele psychisch erkrankte Menschen.

Die Landesstelle Psychiatriekoordination wird sich in einer Lese-Reihe „Psychiatrie mal Anders“ widmen (Themen und Termine unter https://www.psychiatriekoordination-nds.de). Unter dem Stichwort „Lesungen im Dialog“ werden in fünf ZOOM-Video-Veranstaltungen verschiedene Autorinnen und Autoren ausgewählte Textpassagen ihrer Werke lesen und sie jeweils im Anschluss hinterfragen und reflektieren. Interessierten soll damit die Möglichkeit gegeben werden, sich dem facettenreichen Thema „Psychiatrie“ auf besondere Weise zu nähern. Dieses spannende Projekt richtet sich nicht nur an Profis, sondern will insbesondere Psychiatrieerfahrene und Angehörige sowie am Thema Interessierte einladen, einen ganz anderen Versuch zu wagen miteinander ins Gespräch zu kommen.

Es geht also weiter in Niedersachsen. In den Notizen werden wir die Leserinnen und Leser des EPPENDORFER weiter auf dem Laufenden halten. Wolfram Beins

(Wolfram Beins ist Vorstand des Landesfachbeirats Psychiatrie Niedersachsen – ein Fachgremium, das im Auftrag des Niedersächsischen Sozialministeriums die politischen Entscheidungsträger berät, sich aber auch als kompetenter Ansprechpartner in Sachen Psychiatrie im Lande versteht. In der Kolumne „Notizen aus Niedersachsen“ greift er seit vielen Jahren einzelne, aus seiner Sicht relevante Themen des Landes auf.)