Notizen aus
Niedersachsen

Das Leineschloss in Hannover ist seit 1962 Sitz des Niedersächsischen Landtags. Foto: Tim Rademacher/ https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Hannover_Leineschloss.jpg#filehistory

In der Kolumne „Notizen aus Niedersachsen“ greifen Vertreter des unabhängigen Landesfachbeirats Psychiatrie Niedersachsen (LFBPN) seit vielen Jahren einzelne, aus ihrer Sicht relevante Themen des Landes auf. Seit vorigem Jahr sind daran im Wechsel auch Vertreterinnen der Landesstelle Psychiatriekoordination Niedersachsen (LSPK) beteiligt. Die aktuellen Notizen werden jeweils kurz nach Erscheinen in der EPPENDORFER-Printausgabe auf die Homepage gestellt.

Aus der Ausgabe 6/2021:

Eine Frage der Haltung!

Deutschland hat gewählt! Etwa 6 Millionen Wahlberechtigte in Niedersachsen konnten an der Bundestagswahl teilnehmen. Es bleibt abzuwarten, welche Auswirkungen dies zukünftig auf die Gesundheitspolitik – im Spezifischen auf die Themenfelder der Psychiatrie – haben wird. 

Durch politische Entscheidungen wird der Rahmen für unser Handeln geschaffen, tagtäglich beeinflussbar bleibt jedoch die Haltung jedes Einzelnen! Die eigene Haltung baut auf Wertevorstellungen und Prinzipien auf. Durch sie werden Spielräume gefüllt, die bei der Ausgestaltung des politisch geschaffenen Grundgerüsts verbleiben. Um es mit den Worten von Antoine de Saint-Exupéry zu sagen: „Auf die Haltung allein kommt es an.“

Was bestimmt unsere Haltung? Mit welcher Haltung wollen wir arbeiten und uns begegnen? Diese Fragen finden sich in unser aller Alltag und somit auch im Feld der Psychiatrie wieder.

Deutlich wird dies in vielerlei Hinsicht. Mit der Fortbildungsreihe zum Offenen Dialog setzt der Verein EX-IN Niedersachsen e. V. gemeinsam mit der Deutschen Gesellschaft für Soziale Psychiatrie e. V. (DGSP) ein wichtiges Signal für die Weiterentwicklung der Psychiatrie in Niedersachsen und wirbt damit für eine Haltungsänderung innerhalb der Behandlung. Auch die Landesstelle Psychiatriekoordination Niedersachsen (LSPK) hat sich der Thematik des Offenen Dialoges angenommen und im August ein Live-Interview mit ausgewiesenen Expert*innen durchgeführt. Dabei kristallisierte sich heraus, was eine Haltungsänderung innerhalb der Behandlung sowohl für die Betroffenen als auch für das Fachpersonal bedeuten kann. Ein Satz wird auch nach dem Interview noch lange in Erinnerung bleiben: „[…] eine Grundvoraussetzung, um mit dem Offenen Dialog zu arbeiten, liegt in der Bereitschaft, die eigene Haltung [als Professionelle*r] zu überdenken“. Diese Bereitschaft regt zur Selbstreflexion an und lässt sich sicherlich auf andere Bereiche übertragen.

Auch im Kontext der Gemeindepsychiatrischen Zentren (GPZ) gilt es, Haltung zu bewahren. Die drei geförderten Modelle aus Braunschweig, Cuxhaven und dem Heidekreis laufen zum Ende des Jahres aus. Eine Weiterfinanzierung der GPZ ist nach aktuellem Stand noch unsicher. Leichte Hoffnung weckt aktuell der erste Entwurf der „Richtlinie über die berufsgruppenübergreifende, koordinierte und strukturierte Versorgung insbesondere für schwer psychisch kranke Versicherte mit komplexem psychiatrischen oder psychotherapeutischen Behandlungsbedarf“ (KSVPsych-RL). Der Gemeinsame Bundesausschuss hat am 02.09.2021 die Erstfassung der Richtlinie beschlossen. Eine vernetzte und interdisziplinär koordinierte Therapie steht dabei im Vordergrund. Ausstehend sind eine Prüfung und Genehmigung des Bundesministeriums für Gesundheit. Die Richtlinie wird daher voraussichtlich erst Mitte 2022 in Kraft treten können. Nun gilt es, umgehend Möglichkeiten zur Überbrückung der Finanzierung der GPZ zu finden. Diesem Thema widmet sich auch weiterhin die AG 4 „Steuerung und Vernetzung“ des Landesfachbeirates Psychiatrie Niedersachsen.

Neuigkeiten gibt es auch aus der LSPK zu berichten. Die neue Projektdatenbank auf der Webseite der LSPK soll ein Voneinander-Lernen ermöglichen. In Niedersachsen gibt es bereits viele Projekte und Initiativen, die sich mit der Behandlung, Begleitung und Versorgung von Menschen mit psychischen Erkrankungen beschäftigen. Mit der Veröffentlichung der Projektdatenbank werden großartige niedersächsische Projekte zum Thema sichtbar – ganz nach dem Motto „Gutes tun und darüber sprechen“. Die Haltung macht’s!

Aus unseren Haltungen werden letztlich auch Handlungen. Lassen Sie uns daher mit gutem Beispiel vorangehen und aus unserer Haltung heraus die zukünftigen Handlungen im psychiatrischen Feld mitbestimmen. Dabei sollte dem Vernetzungsgedanken und einer gemeinsamen, auf Augenhöhe stattfindenden Gestaltung eine zentrale Bedeutung zugeschrieben werden. 

Anna Menze und Mareile Deppe (Landesstelle Psychiatriekoordination Niedersachsen)

Aus der Ausgabe 4/2021:

Intensive Wiedereingliederung

Einmal Rente, immer Rente. Die Rückkehr in die Erwerbsfähigkeit nach einer Berentung aufgrund einer psychischen Erkrankung gelingt eher selten. Umso wichtiger erscheint es, eine Berentung rechtzeitig abzuwenden und möglichst früh bei bestehender Arbeitsunfähigkeit zu intervenieren. Wer einen sinnstiftenden und eigentlich guten Arbeits-platz hat, sollte möglichst intensiv bei der Rückkehr an diesen Arbeitsplatz unterstützt und begleitet werden. Ein häufiges Problem in diesem Zusammenhang sind leider die nicht selten bei psychiatrisch erkrankten Menschen auftretenden langen Krankheitsverläufe mit anhaltenden kognitiven und emotionalen Störungen oder betriebliche Hürden. Hier setzt eine durch den Innovationsfond geförderte Studie zur Rückkehr an den Arbeitsplatz bei psychiatrischer Erkrankung (Return-to-Work-Studie = RTW-PIA) an. An ihr sind zwei Kliniken aus Niedersachsen unter der Konsortialführung der Medizinischen Hochschule Hannover beteiligt. An dem mit insgesamt 4,3 Millionen Euro geförderten Versorgungsforschungs-Projekt nehmen neben den niedersächsischen Kliniken (Burghof-Klinik Rinteln und Medizinische Hochschule Hannover) auch psychiatrische Kliniken in Hamburg-Harburg, Berlin und Bad Berleburg teil. 

Die Studie hat zum Ziel, die betriebliche Wiedereingliederung psychisch erkrankter Menschen intensiv zu unterstützen, die Nachhaltigkeit der Rückkehr zu verbessern und hierdurch auch Rückfälle zu verhindern. Dies geschieht in den jeweiligen Psychiatrischen Institutsambulanzen mit einem speziellen aus mehreren Modulen bestehenden Programm. 

Die Module umfassen eine allgemeine Aufklärung zu den Themen Arbeit und Gesundheit (Modul 1) – und für die Interventionsgruppe in den ersten Monaten eine detaillierte Erfassung beruflicher und privater Problemlagen, arbeitstherapeutische Maßnahmen, sozialarbeiterische Unterstützung und psychologische Gespräche – sowie Besuche in den jeweiligen Betrieben (Modul 2). Über einen Zeitraum von bis zu 12 Monaten erfolgt zusätzlich eine psychotherapeutische Begleitung in einer Gruppe Betroffener (Modul 3), in der u.a. betriebliche Rahmenbedingungen, eigene Wünsche und Bedürfnisse, Konfliktmanagement, achtsamkeitsbasiertes Verhalten, die Selbstwirksamkeit sowie die Work-life-balance thematisiert werden. Durch diese Gruppe sollen der Austausch über eigene Erfahrungen und individuelle Lösungsmöglichkeiten angeregt werden. 

Eine Web-basierte Nachbetreuung nach frühestens 6 Monaten bis zu 18 Monaten nach Einschluss (Modul 4) rundet die RTW-Studie ab. Das erarbeitete Programm basiert auf positiven Vorerfahrungen der beteiligten Kliniken und der Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin (BAuA) und berücksichtigt neben den individuellen Bedürfnissen die sozialen und betrieblichen Ressourcen. Im Rahmen der Studie wird außerdem ein Handbuch erstellt, das die Nutzung dieses intensiven RTW-Verfahrens in anderen Kliniken erleichtern und die Regelfinanzierung vorbereiten soll. 

Hinsichtlich der wissenschaftlichen  Fragestellung wird durch die BAuA in Kooperation mit der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg geprüft, ob diese neue Versorgungsform im Vergleich zu einer Kontrollgruppe zu einer nachhaltigeren Reduktion der Arbeitsunfähigkeits-Zeiten führt. In der Kontrollgruppe erhalten Betroffene durch die Institutsambulanzen die sonst übliche Behandlung und Unterstützung bei der Rückkehr an den Arbeitsplatz. Weitere Ziele sind die Risikominimierung von Erwerbsminderung durch eine verbesserte Rezidivprophylaxe sowie die Kostenreduktion für Sozialversicherungen, Betriebe und die Gesellschaft. Und last but not least: einen hoffentlich langfristig zufriedenen und gesunden Menschen!

Die Ergebnisse dieser Studie werden wir zwar erst in knapp vier Jahren sehen, wir werden aber schon heute daran erinnert, wie hilfreich eine gelungene Unterstützung psychisch erkrankter Menschen bei der Rückkehr an einen geeigneten Arbeitsplatz sein kann!

Prof. Dr. Detlef Dietrich (Landesfachbeirat Psychiatrie Niedersachsen, Ärztlicher Direktor AMEOS Klinikum Hildesheim und Beiratsmitglied des Projekts RTW-PIA) 

Aus der Ausgabe 3/2021:

Es werden Impulse gesetzt!

Der Wonnemonat Mai gibt Anlass zur Freude: die Blumen blühen, auch die Wetteraussichten werden besser und damit sicherlich auch die Gemütslage einiger von uns. Die Redensart „Brücken bauen“ könnte die psychiatrischen Entwicklungen in Niedersachsen der letzten Monate perfekt zusammenfassen. Vielfältig, vielgestaltig und stetig im Trialog wurde dem Thema, welches Niedersachsen aktuell sehr bewegt, Schwung verliehen: der Aufbau und die Etablierung von Gemeindepsychiatrischen Zentren (GPZ). 

So wurden in den letzten Monaten Personen, Interessierte und wichtige Partner*innen im Prozess der Etablierung und Verstetigung von GPZ zusammengebracht. Im Juni 2020 begann der Austausch über die, vom Psychiatriereferat des niedersächsischen Ministeriums für Soziales, Gesundheit und Gleichstellung organisierte und moderierte, Projektbegleitgruppe (PBG) zu den GPZ. Seit Januar 2021 ist die wissenschaftliche Begleitung des Instituts für Sozialpsychiatrie Mecklenburg-Vorpommern e. V. (ISP) Teil der Gruppe. Ihr Auftrag – die Entwicklung eines Standards für GPZ und eines Konzepts zur Umsetzung dieser Standards – steht seitdem im Mittelpunkt der Sitzungen. Eine erste Definition des noch recht universell einsetzbaren Begriffs GPZ ist eruiert. Zudem liegt ein zweiter Entwurf des Indikatorensets zu Struktur- und Prozessmerkmalen eines GPZ vor. Zeitnah erfolgt eine Abstimmung des Sets in einem Workshop mit Angehörigen und Krisenerfahrenen. 

Darüber hinaus ist geplant, in einen Erfahrungsaustausch mit Verantwortlichen des niederländischen FACT-Modells zu treten. Flankierend zur PBG hat die AG 4 „Steuerung und Vernetzung“ des Landesfachbeirates Psychiatrie Niedersachsen im April erstmals online getagt. Die Herausforderung für die GPZ wird sein, die Systeme SGB V (Krankenbehandlung) und SGB IX (Eingliederungshilfe), ergänzend auch SGB XI (Pflege), zu einem übergreifenden Leistungskomplex zusammenzuführen. Diesem Thema widmet sich die AG 4 und fragt sich, wo Hürden des Datenschutzes und der Fragmentierung in den einzelnen Leistungsbereichen der unterschiedlichen Systeme sind und wie diese überwunden werden können. 

Die Diskussionen und Rückmeldungen in den unterschiedlichen Arbeitsgruppen sind vielseitig. Fragen zu Aspekten, wie z.B. der Finanzierung eines GPZ, der Rollenveränderung der niedersächsischen Sozialpsychiatrischen Dienste, der Aufnahme der Peerbegleitung als regelhaftes Versorgungselement im SGB V sowie dem Eruieren eines individuellen Krisenmanagements gilt es zu beantworten. Nicht außer Acht zu lassen sind aber auch Qualitätsmaßstäbe eines GPZ. 

Zudem ist ein wenig Eile geboten: Die drei geförderten Modelle aus Braunschweig, Cuxhaven und dem Heidekreis laufen zum Ende des Jahres aus. Es wäre schade, wenn die mühevolle Arbeit, das große Engagement und der unglaubliche Einsatz einfach im Sande verlaufen würde. 

Unter der Maßgabe „Brücken bauen“ verläuft auch die diesjährige Planung der Psychiatrietage Loccum. Im Mai wird eine 6-teilige Online-Workshopreihe zu unterschiedlichen Themen, die unter dem Blickwinkel „Brennglas Pandemie“ zu betrachten sind, beginnen. Das Programm wird derzeit finalisiert und bald auf der Website der Akademie Loccum (https://www.loccum.de/) sowie auf der Website der LSPK (www.psychiatriekoordination-nds.de) veröffentlicht.

Und noch eine Nachricht, die Freude bereitet: Im April 2021 konnte die Landesstelle Psychiatriekoordination Niedersachsen (LSPK) auf ein Jahr Koordinations- und Vernetzungsarbeit zurückblicken. Eine spannende, aufreibende und umtriebige Zeit liegt hinter uns. Wir haben viele interessierte und engagierte Menschen kennenlernen dürfen. Einiges konnten wir gemeinsam mit ihnen bewegen und voranbringen. Ab dem 1. Mai beginnt nun die zweijährige Verstetigungsphase. Hier ist u.a. eine Fortsetzung der Lesereihe „Lesungen im Dialog – Psychiatrie mal Anders“ ab November 2021 geplant. In unserer ersten Lesung der zweiten Staffel werden wir mit Thelke Scholz, Jann Schlimme und Renate Seroka über ihr Werk „Medikamentenreduktion und Genesung von Psychosen“ sprechen. Weitere Autor*innen sind Carlotta Frey, Florian Reisewitz und Jakob Hein. Wir freuen uns schon sehr auf die neuen Impulse sowie die Diskussion. 

Sie sehen: Es ist viel in Bewegung. Lose Fäden werden verknüpft und auch in Zukunft wird gemeinsam nach adäquaten und niedrigschwelligen Lösungen gesucht.     

Jeanett Radisch (Landesstelle Psychiatriekoordination Niedersachsen) 

Aus der Ausgabe 2/2021:

Dezentral und gemeindenah!

Die Gesundheitspolitik in Niedersachsen ist in der öffentlichen Wahrnehmung auf ein Thema reduziert. Das in weiten Teilen unbeholfene Agieren in der Bewältigung der Pandemie dominiert die Berichterstattung. Die Verantwortlichen im Sozialministerium haben sich bei der Organisation der Impfkampagne nicht gerade mit Ruhm bekleckert. Es begann mit dem Versand der Einladungen zur Impfung an alle Bürgerinnen und Bürger über 80 Jahre, der anfangs über die unvollständige und fehlerhafte Adressdatei der Deutschen Post erfolgte, und es endete vorerst mit der dilettantischen Zuweisung von Impfter-minen, wobei vielfach die hochaltrigen Impfberechtigten Termine weitab von ihrem Wohnort zugewiesen bekamen. Da darf es nicht verwundern, wenn Forderungen zum Rücktritt der zuständigen Ministerin laut werden.

Hieran ist wieder einmal deutlich geworden, dass die im Ministerium für die Gesundheit zuständigen Beamtinnen und Beamten eine obrigkeitsstaatliche Haltung verkörpern, wonach wichtige Entscheidungen zentral geregelt werden, anstatt die Expertisen der Fachgremien in den Kommunen und bei den Gesundheitsdiensten frühzeitig einzubinden. Die Landkreise und Städte in Niedersachsen haben wiederholt darauf hingewiesen, dass nach dem raschen Aufbau der Impfzentren auch die Organisation der Impfungen effektiv vor Ort erfolgen könne. 

Mit Beginn der sozialpsychiatrischen Bewegung gilt als Leitlinie eine dezentrale und gemeindenahe Ausrichtung und Umsetzung der psychiatrischen Versorgung. In allen sozialpsychiatrischen Plänen des Landes und der Kommunen ist eine Festlegung auf die Gemeindepsychiatrie verankert. Wir hatten gehofft, dass das mittlerweile auch bei den ministerialen Verantwortlichen handlungsleitend sein sollte. Aber das Auftreten in der Pandemiebekämpfung hat offenbart, dass immer noch viel Überzeugungs- und Entwicklungsarbeit gefordert ist.

Im Januar 2019 hat der niedersächsische Landtag eine Enquetekommission zum Thema „Sicherstellung der ambulanten und stationären medizinischen Versorgung in Niedersachsen – für eine qualitativ hochwertige und wohnortnahe medizinische Versorgung“ eingesetzt. Es sollten neue Lösungsansätze zu Fragen der gesundheitlichen Versorgung erarbeitet werden. Mittlerweile liegen die Ergebnisse vor. 

Es wundert nicht, wenn hier sektorenübergreifende Versorgungsstrukturen unter Einbeziehung der Digitalisierung als entscheidender Faktor für eine erfolgreiche und an Patientinnen und Patienten orientierte Gesundheitsversorgung empfohlen werden. Eine Bündelung der Versorgung in regionalen Gesundheitszentren soll zur Umsetzung beitragen. Das hatten wir im Landespsychiatrieplan in weiten Teilen schon vorab empfohlen.

In der Präsentation der Ergebnisse der Enquetekommission Anfang Februar wurde immer wieder auf die Erfahrungen im Umgang mit der Pandemie hingewiesen. Hieraus müssten Lehren für die weitere Ausgestaltung der Gesundheitsversorgung für die nächsten zehn Jahre gezogen werden. Sollte das nicht gelingen, müssten tatsächlich die Verantwortlichen im Ministerium und in der Landesverwaltung den Stuhl räumen und zukunftsorientierten Sachverständigen Platz machen.

Die Psychiatrie des Landes hat sich längst mit gemeindepsychiatrischen und patientenorientierten Lösungen auf den Weg gemacht. Die Entwicklung der gemeindepsychiatrischen Zentren (GPZ) nimmt langsam Fahrt auf. Eine Evaluation der niedersächsischen GPZ durch das Institut für Sozialpsychiatrie Mecklenburg-Vorpommern e. V. ist mittlerweile gestartet. Erste Berichte aus den Modellregionen versprechen einen erfolgreichen Schub für die niedersächsische Gemeindepsychiatrie. Wir werden nach ersten Ergebnissen der Evaluation noch ausführlicher berichten. 

EX-IN-Weiterbildung: Offener Dialog

Auch weitere Empfehlungen des Landespsychiatrieplans werden umgesetzt. Anfang Juni beginnt unter Federführung von EX-IN Niedersachsen in Hannover eine Systemische Weiterbildung der DGSP zur sozialraumorientierten Netzwerkarbeit nach der Methode des Offenen Dialogs. Dabei bilden Netzwerkgespräche mit dem sozialen System der Klienten das zentrale therapeutische Element. Diese Weiterbildung sollte angesichts der vielen Herausforderungen unbedingt genutzt werden: www.ex-in-niedersachsen.de.

 Wolfram Beins (Vorstand des Landesfachbeirats Psychiatrie Niedersachsen – ein Fachgremium, das im Auftrag des Niedersächsischen Sozialministeriums die politischen Entscheidungsträger berät, sich aber auch als kompetenter Ansprechpartner in Sachen Psychiatrie im Lande versteht) 

Aus der Ausgabe 1/2021:

Hausarztpraxen im Blick

Die zentrale Rolle von Hausärztinnen und -ärzten für Diagnostik und Langzeit- behandlung von akuten und chronischen psychischen Störungen sowie für die Koordination von deren Anliegen sowie die oft lebenslange Betreuung ist unbestritten. Hausärztinnen und -ärzte stellen hiermit eine wichtige und anerkannte Säule unseres Gesundheitswesens dar. Gelingen können die genannten Aufgaben insbesondere bei einer guten und engen Zusammenarbeit mit anderen Spezialistinnen und Spezialisten.


Die Arbeitsgruppe 3 (Allgemeinpsychiatrie) des Landesfachbeirats Psychiatrie Niedersachsen (LFBPN) hat die Situation der Hausärzteschaft ins Blickfeld gerückt, denn 70-80 Prozent der psychisch kranken Menschen werden primär hier versorgt. In der Hausarztpraxis erfolgen in der Regel die erste Diagnosestellung einer psychischen Störung und die ersten therapeutischen Schritte. Hier werden auch lange Wartezeiten bis zu einer psychotherapeutischen Behandlung oder einer fachärztlichen Mitbetreuung überbrückt. Ein weiteres Problem ist die eher spärliche und teils nicht bekannte Verfügbarkeit komplementärer sozialpsychiatrischer Angebote insbesondere in den ländlichen Regionen. Dies hat zur Folge, dass eine leitliniengerechte Behandlung psychiatrisch Erkrankter oft schwierig ist.


Diese Situation hat den Landesfachbeirat bewogen, sich der Frage nach eventuellen Unterstützungsbedarfen des Hausärztebereichs genauer zu widmen. Vor dem Hintergrund seiner bisherigen Arbeit zu diesem Thema konnte das Niedersächsische Sozial- und Gesundheitsministerium dafür gewonnen werden, eine wissenschaftliche Ausarbeitung über die bestehende Literatur finanziell zu unterstützen. In einem zweiten Schritt ist dann eine Befragung von Hausärztinnen und Hausärzten geplant, um zu spezifizieren, was in der Praxis tatsächlich an Unterstützung benötigt wird und um zukünftig gezielter unterstützen zu können.


Vorbereitend wurden in persönlichen Gesprächen der Beteiligten und im Rahmen eines Workshops in der Evangelischen Akademie in Loccum bereits einige Ideen hierzu entwickelt: Wichtige Themen, die von Unterstützungsangeboten profitieren könnten, sind beispielsweise die Arbeit an Schnittstellen zwischen den hausärztlichen Praxen und den Anbietern sozialpsychiatrischer Leistungen sowie die Krisenintervention vor dem Aufsuchen einer Facharztpraxis. Ein Nebeneinander verschiedener Behandlerinnen und Behandler und Leistungserbringer*innen erfordert zudem eine grundsätzliche Klärung, wer den Prozess von Diagnostik und Behandlung beim Vorliegen einer primären psychischen Störung steuern sollte.


Darüber hinaus erscheint Unterstützung in folgenden Bereichen naheliegend bzw notwendig: Geeignete Fort- und Weiterbildungsangebote (hilfreich wären gemeinsam konzipierte Symposien/Fortbildungsveranstaltungen und gemeinsam erarbeitete Kurzlehrbücher), diagnostische Hilfen insbesondere zur Früh- und Differential- diagnostik psychischer Erkrankungen, die auch von Medizinischen Fachangestellten durchführbar sind (z.B. PHQ-D-Fragebogen), Konsiliarische Unter- stützung/Beratung im Falle einer Verdachtsdiagnose oder im Falle einer Krisensituation (z.B. kurze Telefon- beratung durch den Sozialpsychiatrischen Dienst oder die nächste Psychiatrische Institutsambulanz), Förderung des fächerübergreifenden Informationsaustausches (z.B. über die bestehenden hausärztlichen Qualitätszirkel, in die psychiatrische Kolleginnen oder oder Anbieter sozialpsychiatrischer Leistungen eingeladen werden können).


Hinsichtlich psychiatrischer Notfälle haben sich Qualitätszirkel (Runde Tische) bewährt, an denen auch Vertreterinnen und Vertreter der Gerichte, der Polizei, der Notaufnahmen, Rettungsleitstellen, der Ordnungsbehörden, Gesundheitsämter/Sozialpsychiatrischen Dienste etc. teilnehmen. In einem solchen Rahmen können Probleme insbesondere im Hinblick auf das Schnittstellenmanagement meist sehr gut geklärt und die Kommunikation intensiviert werden. Ferner unterstützt werden sollte auch das Lernen von guten Kooperationsbeispielen (eine gute hausärztliche Einbindung und Kommunikation wurde z.B. bereits in der Palliativversorgung etabliert). Diese können als Best-Practice-Beispiele und Ideenpool für andere Herausforderungen in den Blick gerückt werden.

Zu hoffen ist, dass durch solche und andere Initiativen die hausärztliche Arbeit erleichtert und ein wenig attraktiver wird! Anregungen und gute Ideen/ Best-Practice-Beispiele in diesem Zusammenhang sind herzlich willkommen!

Prof. Dr. Detlef Dietrich
(Sprecher der AG 3 (Allgemeinpsychiatrie) des LFBPN, Kontakt: Detlef.Dietrich@burghof-klinik.de)

Aus der Ausgabe 6/2020:

Besser vernetzen – Gemeinsam mehr erreichen

Die Leserinnen der Notizen werden es schon erwartet haben: Heute keine Notizen von Wolfram Beins! Wolfram Beins, der die Psychiatrielandschaft in Niedersachsen gestern wie heute nachhaltig gestaltet und geprägt hat, zieht sich zurück. 30 Jahre lang begleitete uns seine wertschätzende, offene Art, die auch bei heiklen und kritisch diskutierten Themen stets reflektierend und zugewandt war. Er fand u.a. in den Notizen aus Niedersachsen immer passende, wenn auch nicht immer unkritische Worte, um die Lage der psychiatrischen Versorgung in Niedersachsen zu skizzieren.

Heute nun übernehmen wir (die Landesstelle Psychiatriekoordination Niedersachsen – LSPK) in rotierender Autorinnenschaft gemeinsam mit Vorsitzenden des Landesfachbeirates Niedersachsen diese Kolumne. Als vernetzende Landesstelle freuen wir uns ganz besonders, mit dem EPPENDORFER ein weiteres Forum zur Darstellung unserer Arbeit und damit auch der Geschehnisse der aktiven Psychiatrielandschaft Niedersachsens zu finden.Wir setzen uns für einen barrierefreien landesweiten Informationsfluss ein, der Psychiatrieerfahrene und ihre Angehörigen, Professionelle aus Versorgung und Wissenschaft und die Politik gleichermaßen erreichen, unterstützen und vor allem zusammenbringen soll – für eine vernetzte Versorgungslandschaft, in der erfolgreich und auf Augenhöhe gemeinsam und an gemeinsamen Zielen gearbeitet wird. Das Publikationsmittel unserer Wahl ist hier – und gerade aktuell – das Internet. Sie finden uns unter www.psychiatriekoordination-nds.de.

Im September startete die fünfteilige Reihe „Lesungen im Dialog“ der LSPK. In Online-Lesungen bringen Autorinnen den Zuhörerinnen Psychiatrie auf einem etwas ungewöhnlichen Weg nahe – über Literatur. Damit steht die Reihe im Spannungsfeld zwischen Abendprogramm und Informationsvermittlung. Zum Auftakt wurde es spannend. Psychiater und Autor Thorsten Sueße las aus seinem Krimi „Schöne Frau, tote Frau“. Im begleitenden Dialog berichtete er aus seiner beruflichen Praxis, klärte über Schizophrenie auf und umriss die Aufgaben eines Sozialpsychiatrischen Dienstes.

An anderer Stelle machen sich derweil fünf Regionen auf den Weg zu eigenen Gemeindepsychiatrischen Zentren (GPZ). Prozesshafte Unterstützung erhalten die Akteure aus Cuxhaven, Braunschweig, Wolfsburg, Harburg und dem Heidekreis in einer begleitenden trialogisch aufgebauten Projektgruppe. Es beteiligen sich weitere Expertinnen aus Versorgung und Wissenschaft sowie Vertreterinnen von Psychiatrieerfahrenen und Angehörigen. Im Rahmen dessen hat das Sozialministerium eine Ausschreibung zur Entwicklung von Standards und Qualitätsindikatoren für den Aufbau und die Prozesse von GPZ veröffentlicht. Wir sind gespannt, wer die Projektgruppe zukünftig fachlich flankieren wird. Die nächsten Monate und Jahre werden ereignis- und erkenntnisreich. Vieles ist in Bewegung und besitzt das Potential, die psychiatrische Versorgung in Niedersachsen nachhaltig zu verändern.

Weitere positive Nachrichten erreichten uns: Das Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend fördert in den niedersächsischen Landkreisen Heidekreis, Lüchow-Dannenberg und der kreisfreien Stadt Wilhelmshaven den Aufbau von „Lokalen Allianzen für Menschen mit Demenz“. In den regionalen Netzwerken arbeiten Institutionen, Kommunen, Versorger und andere Akteure zusammen, um Menschen mit Demenz und ihre Angehörigen vor Ort bestmöglich zu unterstützen, Angebotstransparenz zu schaffen, Angebote aufeinander abzustimmen und Innovationsplanung anzustoßen. Nicht zuletzt die Situation während des Lockdowns hat gezeigt, dass die Versorgung von Menschen mit Demenz sensibler, integrierter und krisenfester Ansätze bedarf – die zuallererst auf eine unbedingte Zusammenarbeit mit den Angehörigen setzen.

Zu guter Letzt: In guter alter Tradition findet auch in diesem Jahr wieder das Gerontopsychiatrische Symposium statt. Am 18.11.2020 laden die Gerontopsychiatrischen Kompetenzzentren, als ebenfalls vom Land geförderte Initiativen, zum virtuellen fachlichen Austausch ein. Kommen Sie dazu! Die LSPK wird diese und weitere Entwicklungen auch zukünftig begleiten und wo es uns möglich ist, unterstützen.


Jeanett Radisch, Marius Haack
(Landesstelle Psychiatriekoordination Niedersachsen)

(Anmerkung der Redaktion: Unmittelbar nach Erscheinen dieser Notizen rotierte das Personalkarussell: Marius Haack wechselte in die Pandemieplanung für Niedersachsen. Seine Aufgaben in der Landesstelle Psychiatriekoordination übernahm die studierte Gesundheitsmanagerin Sandra Surrey. Sie ist bereits seit 2011 als Fachreferentin für Gesundheitsförderung bei der Landesvereinigung für Gesundheit und Akademie für Sozialmedizin Niedersachsen e. V. tätig.)

Aus der Ausgabe 5/2020:

Wie machen wir weiter?

Wie machen wir weiter – Diese Frage beschäftigt mich mehr als sonst bei der Vorbereitung für die Notizen aus Niedersachsen. Durch Corona sind wir gezwungen, persönliche Begegnungen drastisch einzuschränken. Seit März haben keine Sitzungen mehr stattgefunden, wir haben uns nur notdürftig in Telefonkonferenzen abstimmen können. Große Bewegungen sind dadurch nicht entstanden. Die Arbeit fand überwiegend im Home-Office statt und war auch auf das Nötigste beschränkt. In der Aussicht auf länger andauernde Einschränkungen durch die Pandemie haben die Stellen im Land die Digitalisierung vorangetrieben. Jetzt versuchen wir es mit Videokonferenzen, da können wir uns wenigstens auch optisch verständigen und die Besprechungen werden weniger anstrengend. 

Für mich kommt noch eine persönliche Veränderung hinzu. Seit Anfang des Jahres bin ich aus der beruflichen Tätigkeit in der Psychosozialen Beratungsstelle in Celle ausgeschieden und genieße mittlerweile das aktive Rentnerleben. Auch damit stellt sich die Frage wie wir weitermachen.

Wir werden diese Notizen aus Niedersachsen auf verschiedene Schultern verteilen. Die Leser des EPPENDORFER werden künftig von mehreren Autorinnen und Autoren über die psychiatrischen Entwicklungen in Niedersachsen informiert. Es werden die Mitstreiter im Vorstand des Landesfachbeirats Psychiatrie zu Wort kommen – und auch ich bleibe noch etwas am Ball. Ferner soll auch die neue Landesstelle Psychiatriekoordination an dieser Stelle über ihre Aktivitäten berichten.

Deeskalation auf Akutstationen und bauliche Planungshilfen

Es gibt noch einiges zu tun und es tut sich was. Der Landesfachbeirat beschäftigt sich gerade mit Konzepten für eine deeskalierende Gestaltung von psychiatrischen Akutstationen. In enger Abstimmung mit dem Psychiatriereferat des Sozialministeriums werden demnächst Planungshilfen zu baulich-architektonischen Strukturen von psychiatrischen Akutstationen formuliert. Wir möchten, dass sich zukünftig alle Krankenhausplaner hieran orientieren.

In Zusammenarbeit mit EX-IN in Niedersachsen werden wir Empfehlungen zum Einsatz von Genesungsbegleiterinnen und Genesungs- begleitern in psychiatrischen Einrichtungen herausgeben und proaktiv der Perspektive der Nutzerinnen und Nutzer mehr Gehör verschaffen. Dazu gehören auch Angebote zur Stärkung der Selbsthilfe. Wir wollen erheben, wo der Lockdown Selbsthilfepotenziale gestärkt hat und wo sich Defizite in der sozialpsychiatrischen Versorgung gezeigt haben. Wir werden dann möglicherweise die Balance von Selbsthilfe und professioneller Unter-stützung neu ausloten müssen.

Auf dem Programm steht weiterhin das Angebot von Open-Dialog-Fortbildungen. Wir wollen die guten Erfahrungen mit dieser Form der Netzwerkgespräche aufgreifen und die Arbeit in den Behandlungs- und Unterstützungsangeboten und der regionalen Versorgungsstruktur besser machen.

Verbindlichere Koordination mit Hausärzten

Zur Verbesserung der Versorgungsstruktur und Zusammenarbeit gehört auch eine verbindlichere Kooperation mit den niedergelassenen Hausärzten in Niedersachsen. Wir wollen in Zusammenarbeit mit dem niedersächsischen Hausärzteverband bessere Unterstützungen für Hausärztinnen und Hausärzte durch die psychiatrischen Leistungserbringer entwickeln. Immerhin sind die Hausärzte oftmals die erste Anlaufstelle bei psychischen Krisen, und in einem Flächenland wie Niedersachsen bleiben sie häufig auch weiter Behandler für viele psychisch erkrankte Menschen.

Die Landesstelle Psychiatriekoordination wird sich in einer Lese-Reihe „Psychiatrie mal Anders“ widmen (Themen und Termine unter https://www.psychiatriekoordination-nds.de). Unter dem Stichwort „Lesungen im Dialog“ werden in fünf ZOOM-Video-Veranstaltungen verschiedene Autorinnen und Autoren ausgewählte Textpassagen ihrer Werke lesen und sie jeweils im Anschluss hinterfragen und reflektieren. Interessierten soll damit die Möglichkeit gegeben werden, sich dem facettenreichen Thema „Psychiatrie“ auf besondere Weise zu nähern. Dieses spannende Projekt richtet sich nicht nur an Profis, sondern will insbesondere Psychiatrieerfahrene und Angehörige sowie am Thema Interessierte einladen, einen ganz anderen Versuch zu wagen miteinander ins Gespräch zu kommen.

Es geht also weiter in Niedersachsen. In den Notizen werden wir die Leserinnen und Leser des EPPENDORFER weiter auf dem Laufenden halten. Wolfram Beins

(Wolfram Beins ist Vorstand des Landesfachbeirats Psychiatrie Niedersachsen – ein Fachgremium, das im Auftrag des Niedersächsischen Sozialministeriums die politischen Entscheidungsträger berät, sich aber auch als kompetenter Ansprechpartner in Sachen Psychiatrie im Lande versteht. In der Kolumne „Notizen aus Niedersachsen“ greift er seit vielen Jahren einzelne, aus seiner Sicht relevante Themen des Landes auf.)