„Haben oder Sein”

Erich Fromm auf einem Foto aus dem Jahr 1974. Foto: Müller-May / Rainer Funk / CC BY-SA 3.0 (DE)

Die Kunst des Liebens” und “Haben oder Sein” zählen zu seinen bekanntesten Werken: Vor 125 Jahren wurde der Sozialpsychologe Erich Fromm geboren, der vor den Nazis in die USA floh. Einige seiner Erkenntnisse sind überraschend aktuell.


Ein einzelner Mensch, der psychisch krank ist, kann psychiatrische oder psychotherapeutische Hilfe finden. Aber wenn eine ganze Gesellschaft psychisch krank ist? Diese Frage hat Erich Fromm (1900-1980) sein Leben lang interessiert. Vor 125 Jahren, am 23. März 1900, wurde der Psychoanalytiker, Philosoph und Sozialpsychologe in Frankfurt am Main in eine orthodoxe jüdische Familie geboren.


1934, nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten, emigrierte er in die USA. Er lehrte an Universitäten in New York und Mexiko und siedelte 1973 in die Schweiz über, wo er 1980 starb.
Die kapitalistische Gesellschaft, so sah es Fromm – und folgte damit Karl Marx – entfremde den Menschen von sich selbst: Er sei nur noch „Teil eines Heeres von Arbeitern oder der bürokratischen Armee der Angestellten und Manager“, eine Nummer, die keine Eigeninitiative mehr entwickeln müsse und in Arbeit und Freizeit „schablonisiert“ lebe. So vergesse er, dass er ein Individuum mit Hoffnungen und Enttäuschungen sei, mit der Sehnsucht nach Liebe.

1934 Emigration in die USA


In seinem Buch „Die Kunst des Liebens“ (1956) entwirft Fromm eine Art Gegenmodell für die Gesellschaft und betont zugleich: „Die Liebe ist ein persönliches Erlebnis, das jeder nur durch und für sich selbst haben kann.“ Fromm sieht ein allen Menschen eigenes psychisches „Bedürfnis nach einem Rahmen der Orientierung und nach einem Objekt der Hingabe“, das unbedingt befriedigt werden müsse. Damit begründet er die Religiosität oder Spiritualität des Menschen psychologisch.

Der Mensch, davon ist Fromm überzeugt, kann vernünftig sein, lieben, solidarisch und kreativ sein.
In seinem Spätwerk „Haben oder Sein“ (1976) stellt er die letztlich schädliche Existenzweise des „Habens“ als Folge der gewinnorientierten Gesellschaft dem „Sein“ gegenüber: der „Bereitschaft, zu teilen, zu geben und zu opfern“. Beide Tendenzen seien im Menschen angelegt: „Wir müssen uns entscheiden, welches dieser beiden Potenziale wir kultivieren wollen.“

Sozialpsychologischer Ansatz


Fromms sozialpsychologischer Ansatz zeige, wie Erfordernisse des gesellschaftlichen Zusammenlebens sich in psychischen Bestrebungen vieler Menschen wiederfänden, erklärt der Psychoanalytiker Rainer Funk. Er leitet das Erich-Fromm-Institut in Tübingen, verwaltet Nachlass und Rechte Fromms und hat zuletzt das Buch „Erich Fromm: Humanismus in Krisenzeiten“ herausgegeben.
Das von Fromm entwickelte Konzept des autoritären Sozialcharakters, erläutert Funk, könne erklären, wie Menschen unter autoritären sozio-ökonomischen Verhältnissen dazu kämen, diese „in der Regel irrationalen, also nicht durch Kompetenzen ausgewiesenen Autoritäten zu idealisieren und sich ihrem Willen bedingungslos zu unterwerfen“.


Wer die aktuelle Situation in den USA betrachtet, wo sich viele Menschen mit der angeblichen Großartigkeit eines Präsidenten und seiner Idee eines großartigen Amerika identifizieren, sieht sich mit einem anderen Typus konfrontiert, den Fromm in den 1960er Jahren beschrieben hat: dem narzisstischen Sozialcharakter, der das Eigene idealisiert und alles Fremde und Andere stigmatisiert.

Namhafte Talmud-Lehrer als Vorbilder


Vorbilder des jungen Erich Pinchas Fromm waren namhafte Talmud-Lehrer in der Familie. In Heidelberg promovierte er 1922 beim Soziologen Max Weber über die Frage, was die zerstreut lebenden Juden in aller Welt ohne staatlichen Schutz und ohne bürgerliche Rechte „dennoch innerlich dazu bringt, ähnlich zu denken, zu fühlen und zu handeln“ (Rainer Funk). Antwort: Die Praxis religiösen Lebens auf der Grundlage des Gesetzes, der Thora, hält die Juden zusammen.


Doch 1926 brach Erich Fromm mit dem rituellen Judentum: An Pessach, dem Fest der ungesäuerten Brote, aß er demonstrativ Sauerteigbrot. Die Beschäftigung auch mit anderen Religionen, mit Buddha und mit Jesus, führte ihn zu der Überzeugung, dass alle monotheistischen Glaubensgemeinschaften ihr ursprünglich Eigenes, ihren liebevollen Wesenskern, längst verloren und durch starre Rituale, Dogmen und Ideologie ersetzt hätten.


Das gilt nach Fromms Erkenntnissen analog auch für den Marxismus, der in der Sowjetunion „ritualistisch“ zitiert worden sei. „Fromm sagte dem Theismus ab, ohne sich je dem Atheismus zu verschreiben“, so beschrieb es der 2012 verstorbene Theologe Hans Jürgen Schultz, früherer Chefredakteur für Kultur beim Süddeutschen Rundfunk.
Funk, der das Entstehen von „Haben oder Sein“ als wissenschaftlicher Mitarbeiter begleitet hat, betont: Wie ein roter Faden ziehe sich der „humanistische Glaube an das Menschen-Mögliche“ durch Fromms Leben und Denken – und dieser habe „zweifellos“ seine Wurzeln in Fromms jüdischer Sozialisation.

Andreas Duderstedt (epd)