Eine Freundschaft
fürs Leben

Katja Hübner guckte nicht weg, sondern hin - und befreundete sich mit einem psychisch kranken Obdachlosen. Foto: Heyne-Verlag

„Okay, danke, ciao!“ heißt ein bei Heyne neu erschienenes Buch einer Grafikerin über die ungewöhnliche Freundschaft zwischen ihr und einem psychisch kranken Obdachlosen. Eine Präsentation fand am Dienstag, 13. April, kostenfrei im Internet statt. Der livestream wurde aus dem Hamburger Nochtspeicher übertragen – und ist bis heute abrufbar! Dabei sind neben der Autorin auch Prof. Thomas Bock sowie, als Moderator, der Autor Johann Scheerer.  

Und darum geht’s: Als Katja Hübner im Mai 2017 im Hamburger Schanzenviertel einem hilflosen jungen Mann begegnet, schaut sie nicht weg, sondern genauer hin und merkt schnell, dass hier jemand Hilfe braucht. Bis zu diesem Zeitpunkt hat sie keine Ahnung vom Leben auf der Straße oder wie man einem Obdachlosen hilft. Oder ob das überhaupt erwünscht ist. Das hält sie jedoch nicht davon ab, ihre Hilfe anzubieten.

In den folgenden Wochen sieht sie den 27-Jährigen immer wieder. Schließlich spricht sie ihn an. Dann bringt sie ihm Zigaretten mit, später etwas zum Essen, Decken, eine Jacke, einen Schlafsack. Denn Marc verlässt seinen Platz nur ungern, egal ob es in Strömen regnet oder bitterkalt ist, er bleibt auf seiner Bank. Sie gibt ihm Halt. Irgendwann kommt der Zeitpunkt, an dem sich Katja Hübner für Marc verantwortlich fühlt. Ihn sich selbst zu überlassen, ist für sie keine Option mehr. Sie beschließt, ihm zu helfen. Letztlich führt ihr Einsatz dazu, dass Marc in die Psychiatrie und in Behandlung kommt – und holt ihn damit von der Straße: Inzwischen lebt Marc in einer betreuten Wohngemeinschaft. 

Für Udo Lindenberg gestaltet sie seit Jahren die Albumcover

Katja Hübner, in Darmstadt geboren, studierte in Würzburg Kommunikationsdesign und führt heute die Agentur Kommune Art in Hamburg. Hier betreut sie als Grafikerin zahlreiche Kunden aus der Musikbranche, unter anderem Udo Lindenberg, für den sie seit Jahren die Albumcover gestaltet. Katja Hübner lebt mit ihrer Tochter und ihrem Partner im Hamburger Schanzenviertel, unweit der Grünanlage, in dem sie Marc erstmals begegnet ist.  

Eine wichtige Rolle spielt in der Geschichte auch der Hamburger Professor Thomas Bock. Das Kennenlernen beschreibt Katja Hübner in einem Interview der Heyne-Pressestelle so: „Thomas     Bocks     Kontakt     bekam      ich     von     einer      Professorin      der      Charité      Berlin, an die ich eine recht verzweifelte Mail geschrieben   hatte.   Ich hatte ein Interview von ihr zum Thema Psychose und Obdachlosigkeit gelesen und sie gefragt, ob sie irgendeine Idee für mich hätte. Thomas war schließlich der erste und einzige, der mir sofort und vollkommen unkonventionell seine Hilfe anbot. Er hat mich dann unterstützt, die Staatsanwältin vom Ernst der Lage zu überzeugen  und Marc einweisen zu lassen.“

Die Autorin möchte mit dem Buch auch auf das gesellschaftliche Problem Obdachlosigkeit und psychische Erkrankung aufmerksam machen, die Menschen sensibilisieren und sie zum Nachdenken anregen. Obdachlose sind von der Pandemie besonders betroffen, macht sie deutlich: Weil weniger Menschen auf den Straßen unterwegs sind,  bekämen sie seltener etwas zugesteckt. Gleichzeitig liegen weniger Pfandflaschen herum, die für viele Wohnungslose normalerweise eine kleine Einnahmequelle bedeuten. Und: die Angst vor Ansteckung führe zu noch mehr Distanz, als sie im normalen Alltag sowieso schon herrscht.  

Autorin fordert: „Aufsuchende Hilfen auch für Obdachlose!”

Derweil könnte politisch mehr getan werden, meint Katja Hübner, etwa durch mehr Unterbringung in leerstehenden Hotels. Auch die Psychiatrie reagiert aus ihrer Sicht nicht so, wie sie könnte: „Aufsuchende Hilfe müsste meiner Meinung nach auch für psychisch erkrankte Obdachlose zur Verfügung stehen …  verrückterweise machen die Kliniken davon kaum Gebrauch. In Hamburg setzt das erst seit kurzem nur das UKE (Universitäts Klinikum Hamburg Eppendorf) um – mit ganz wenigen Plätzen. Und Obdachlose profitieren davon schon gar nicht. Auch die außerklinischen Wohnprojekte drücken sich davor, die in ihrer Wohngegend lebenden Obdachlosen zu betreuen. Hier müsste es klare politische Auflagen geben – an die Kliniken und an die Wohnprojekte”, fordert die Autorin.

Link zur Videoaufzeichnung: https://www.facebook.com/events/455482629106446

(kein eigenes Facebook-Konto erforderlich)

Einen weiteren Bericht lesen Sie in der nächsten EPPENDORFER-Printausgabe, die Anfang Mai erscheint.