„Der Tod durch Hitze
ist ein stiller Tod”

Auch die vielen Waldbrände beunruhigen. Symbolfoto: unsplash
  • Sozialpsychologin Pia Lamberty zum Umgang mit der Klimakrise

In der Debatte um die Klimakrise geht es viel um wirtschaftliche Folgen von Hitze und Dürre, weniger um die bislang fast 16.000 Toten. Die Sozialpsychologin Pia Lamberty erklärt, warum das so ist.


Ein Zusammenspiel aus psychischen Prozessen und gesellschaftlichen Dynamiken ist nach den Worten der Berliner Sozialpsychologin Pia Lamberty verantwortlich dafür, dass die Hitzetoten in der öffentlichen Debatte um die Folgen der Klimakrise kaum Raum einnehmen. Auch abwertendes Denken über Seniorinnen und Senioren spiele bei manchen eine Rolle, sagte Lamberty dem Evangelischen Pressedienst (epd). Zur Bewältigung von Krisen empfiehlt sie eine Strategie mit drei Säulen.


epd: Frau Lamberty, laut Zahlen des Robert Koch-Instituts sind in diesem Jahr bislang knapp 16.000 Menschen durch Hitze gestorben. Aber in der Debatte um die Klimakrise geht es weniger um die Toten als um wirtschaftliche Folgen von Hitze und Dürre wie die Kosten von Niedrigwasser und Produktivitätsverlusten. Warum?


Pia Lamberty: Das ist angelegt in der Art, wie Menschen sterben, es ist angelegt in unseren psychischen Prozessen und wird verstärkt durch gesellschaftliche Dynamiken. Auf Menschen, die aufgrund äußerer Ereignisse sterben, wird ja sehr unterschiedlich geschaut. Wenn es ein tragisches Unglück oder einen Terroranschlag gibt, haben wir danach ja häufig ein Gedenken.
Schon bei Corona haben wir ja gesehen, dass es hier keine Aufarbeitung gab dessen, was passiert ist. Unfälle passieren plötzlich und wirbeln unsere Welt durcheinander. Dieses Plötzliche fehlt hier und beeinflusst auch unsere Gefahrenwahrnehmung. Außerdem gibt es hier keinen Schuldigen, keinen Verursacher, wie bei einem Anschlag.
Kausalität nicht leicht nachweisbar


epd: Allein die Zahl der Hitzetoten der letzten Juniwoche von knapp 10.000 entspricht ungefähr den Verlusten der deutschen Armee in einer durchschnittlichen Kampfwoche während der Schlacht um Verdun im Ersten Weltkrieg. Da kann man schon fragen, warum unser Umgang so ist, wie er ist.


Lamberty: Die Kausalität ist nicht so leicht nachweisbar. Es starben weit überwiegend Ältere, da kann man sich damit beruhigen, dass die ohnehin bald gestorben wären. Diese Argumentation gab es ja auch bei Corona.


epd: Bei Corona trat man diesen zweifelnden Stimmen aber sehr klar entgegen und machte deutlich, dass die Vulnerablen geschützt werden müssen. Warum tut man das nicht mehr so klar?


Lamberty: Das war am Anfang noch so, aber der Schutz der Vulnerablen hat sich ja im Verlauf von Corona sehr aufgeweicht. Und Corona war eine Krise mit Beginn und einigermaßen absehbarem Ende. Die Klimakrise ist nichts, was erkennbar beginnt und absehbar endet. Sie ist diffuser und weniger greifbar.
Hinzu kommt: Der Tod durch Hitze ist ein stiller Tod. Er produziert keine schlimmen Bilder. All das wirkt sich darauf aus, wie Menschen etwas wahrnehmen, ob sie sehen, dass da eine Katastrophe passiert. Zudem ist die Bedrohung durch die Erderwärmung ja so gigantisch und konfrontiert mit der eigenen Verwundbarkeit. Das zu relativieren und wegzudenken ist einfach ein Schutzmechanismus, den viele anwenden.


epd: Spielt für diesen Schutzmechanismus möglicherweise auch eine Rolle, dass die Klimakrise nicht die einzige Krise ist, mit der wir konfrontiert sind?


Lamberty: Klar gibt es eine Form von Krisenkonkurrenz. Das, was besonders sichtbar ist, wird stärker wahrgenommen als das, was still und leise passiert oder was überwiegend Menschen passiert, die kaum eine Stimme haben. Ich würde auch nicht sagen, dass es hier um weniger Mitgefühl geht, sondern es ist nicht unbedingt das Interesse da.


epd: Warum nicht?


Lamberty: Wäre es nur eine einzelne Krise, würde das vielleicht anders aussehen. Aber hier droht uns eine AfD-Regierung, dort ist Krieg, und dazu noch die Klimakrise – viele Menschen sind krisenmüde. Es gibt Zahlen, die das belegen. Außerdem ist gerade Sommer, also die Zeit, in der sich viele Menschen mal eine Pause gönnen.
Soziale Dominanzorientierung spielt eine Rolle


epd: Welche Rolle spielt eine abwertende Sichtweise auf alte Menschen? Hätten wir anders reagiert, wenn es nicht weit überwiegend Senioren getroffen hätte, sondern 16.000 Facharbeiter in heißen Fabrikhallen gestorben wären?


Lamberty: Vermutlich ja. Das wäre ja abrupt geschehen und sehr sichtbar gewesen. Man hätte mit der Leitung des Werks einen Schuldigen gehabt. Aber natürlich beeinflussen Stereotype und Vorurteile, wie der Tod von Menschen bewertet wird, wie viel Mitgefühl man für Opfer hat.
Es gibt die sogenannte soziale Dominanzorientierung. Menschen, bei denen die stark ausgeprägt ist, glauben, dass Hierarchien in der Gesellschaft etwas Gutes sind. Dieses Vorurteilssystem findet man besonders stark am rechten Rand, aber nicht nur da. Stereotype sind in der Psychologie bestimmte Vorstellungen von Menschengruppen, und sie werden zu Vorurteilen, wenn Bewertungen hinzukommen. Konkret heißt das: Wenn man denkt, es sei normal, dass jemand stirbt, der alt ist, ist das ein Stereotyp. Wer denkt, man brauche alte Menschen ja ohnehin nicht, weil die so viel kosten, bei dem kommt noch die Abwertung hinzu.


epd: Sie sprachen von gesellschaftlichen Dynamiken, die innerpsychische Prozesse verstärken. Welche sind das?


Lamberty: Es gibt ja unsere subjektive Risikowahrnehmung. Wenn Menschen sehen, dass niemand über ein bestimmtes Risiko spricht, Medien nicht berichten, Influencer nichts dazu posten, wenn es kein gesellschaftliches Thema ist, dann schätzen sie dessen Relevanz auch niedriger ein. Und eine öffentliche Dringlichkeitskommunikation findet ja kaum statt. Das heißt: Selbst wenn das kognitive Verständnis da ist, fühlen wir das Risiko nicht.


epd: Wie könnte es denn gelingen, in ein Handeln zu kommen, das alte und verwundbare Menschen schützen kann?


Lamberty: Häufig vergessen wird, dass Wissen alleine nicht reicht. Auch bei Corona gab es ganz tolle Wissenschaftskommunikation, aber es fehlte die Ebene, was jeder Mensch konkret und niedrigschwellig tun kann. Hitzeschutzmaßnahmen etwa: Es gibt beispielsweise Hitzewarnaufkleber, die ihre Farbe verändern, wenn es heiß wird. Es gibt noch viele andere Möglichkeiten, uns zu schützen. Aber die müssen bekannt und zugänglich für alle sein. Daran hapert es gerade.
Wir haben einfach viele Krisen und Belastungen, und Menschen sind mit ihnen überfordert. Es ist eine Aufgabe für den Journalismus, Menschen Risiken nahezubringen, ohne sie mit dieser Überforderung alleine zu lassen.

epd: Was könnten Medien dafür tun?


Lamberty: Medien könnten die abstrakte Zahl der Toten anschaulich machen mit konkreten Geschichten und Schicksalen. Es gibt die sogenannte Kohärenztheorie, die beschreibt, wie Menschen mit Herausforderungen umgehen. Diese Kohärenz hat drei Säulen: Verstehen, Bewältigen und Sinn.
Zum Verstehen etwa könnten Medien die abstrakte Zahl der Toten anschaulich machen mit konkreten Geschichten und Schicksalen. Die Säule des Bewältigens könnten die Medien stärken, indem sie berichten, welches Altersheim beim Hitzeschutz innovativ ist, oder wie Nachbarschaften sich helfen. Und Sinn und Hoffnung vermittelt man, indem man deutlich macht, warum man das braucht und um welche Werte es geht, warum also alte Menschen eben doch wertvoll sind und es nicht egal ist, wenn sie durch Hitze sterben. epd-Gespräch: Nils Sandrisser

Buchhinweis: Pia Lamberty, “Der Untergang kann warten. Wie wir in Krisenzeiten Hoffnung schöpfen”, Quadriga Verlag 2026, 272 Seiten, 22 Euro