Widerstandskämpferin, NS-Anhängerin, Wehrmachtssoldat – nach Kriegsende 1945 begegneten sich die unterschiedlichsten Menschen in der Wiener Universitätsklinik für Psychiatrie und Neurologie. Forschende der Österreichischen Akademie der Wissenschaften haben über 700 Krankengeschichten von PatientInnen aufgearbeitet – und einen Teil davon in digitalisierter Form erstmals öffentlich zugänglich gemacht.
Annemarie B. kam im Juni 1945 auf die Psychiatrie. Die 45-jährige Beamtin war depressiv. Als Widerstandskämpferin war sie von der Gestapo gefoltert und zum Tode verurteilt worden. Das Kriegsende verhinderte ihre Hinrichtung. Am meisten zu schaffen machte ihr der Verrat durch eine enge Freundin. – Die 18-jährige Elfriede L. kam im Oktober 1946 mit der Diagnose „menstruelles Irresein“ auf die Psychiatrie. Sie selbst bezeichnete sich als „Idealistin“, die dem NS-Regime positiv gegenüberstand. Jetzt hatte sie Angst vor den Besatzungsmächten. – Josef T. war ab 1940 Soldat in der Wehrmacht, erlitt 1944 eine schwere Kopfverletzung und kam erst im Herbst 1946 aus französischer Kriegsgefangenschaft zurück. Der Grund seiner Einweisung war ein Selbstmordversuch.
Diese drei Beispiele stehen exemplarisch für Tausende Krankengeschichten aus der Wiener Universitätsklinik für Psychiatrie und Neurologie nach 1945, die im Projekt „Wien. Krankensaal 1945“ am Institut für Kulturwissenschaften der Österreichischen Akademie der Wissenschaften unter Leitung von Johannes Feichtinger untersucht werden.
Initiatorin Katja Geiger-Seirafi beschreibt den Ausgangspunkt der Forschung so: „Die Idee ist aus einem Vorgängerprojekt entstanden, in dem es um das Schicksal von Geflüchteten in der Wiener Psychiatrie nach Kriegsende 1945 ging. Dabei ist uns aufgefallen, dass dieser Bestand von großem historischem Interesse ist, weil er so viele unterschiedliche Personengruppen ver-
eint.“ Tatsächlich trafen in den Krankensälen sehr heterogene Lebensrealitäten aufeinander: „Ausgebombte“, Kriegsheimkehrer, Angehörige von Gefallenen, jüdische Überlebende, WiderstandskämpferInnen, vergewaltigte Frauen, Geflüchtete, aber auch ehemalige NationalsozialistInnen nach Suizidversuchen. Geiger-Seirafi betont: „Es waren Menschen mit unterschiedlichen Hintergründen, deren Kriegserfahrungen oft der Auslöser für eine psychische Erkrankung war.“

In den Krankensälen begegneten sich Menschen mit sehr unterschiedlichen Hintergründen. Foto: Josephinum – Medizinische Universität Wien