Er dichtet und philosophiert, seit er denken kann – und nun studiert er wieder: Der ehemalige Chefarzt Dr. Martin Bührig ist eigentlich schon im Ruhestand, doch er wählte einen schleichenden Ausstieg aus dem Hauptberuf – und kehrte an die Universität zurück.
Das Haus 62 im idyllischen Park des Bremer Klinikums Ost: Hier sitzt an einem sonnigen Tag Ende Februar immer noch Martin Bührig. Eigentlich ist er schon im Ruhestand, aber noch mit einigen Stunden tätig – und ganz offensichtlich nach wie vor sehr gefragt. Während des Gesprächs klingelt regelmäßig das Telefon – meistens ignoriert er es, einmal geht er doch ran: „Ich kann jetzt nicht“, wird dem Anrufer kurz beschieden. Dann setzt sich Martin Bührig wieder hin. Ein Porträt soll es werden – über den Mann, der so erfolgreich die in Bremen bereits 2013 beschlossene Psychiatriereform umgesetzt hat, dass seine Klinik in Bremen-Nord 2023 mit dem Förderpreis der Stiftung für Soziale Psychiatrie für ihre wegweisende Arbeit ausgezeichnet worden ist. Diese Klinik leitete er über 20 Jahre lang als Chefarzt, und er hat kurz vor seinem Ruhestand auch noch die Gesamtverantwortung der Kliniken für Psychiatrie und Psychotherapie der Gesundheit Nord übernommen.
Bührig ist freundlich, aber zurückhaltend – er wartet erst einmal ab, was man von ihm will. Also bleiben wir zunächst auf sicherem Terrain, es geht um die Reform und ihre Umsetzung. Um Beziehungskontinuität, darum, wie man die Psychiatrie auf die Patienten zuschneidet und nicht umgekehrt. Und darum, wie man sein Team mitnimmt auf diesem Weg: Alle müssten mehr Verantwortung übernehmen, sagt Bührig. Das ist nicht trivial, aber wenn die Motivation da ist, dann kann es gelingen. „Ich brannte für die Sache“, sagt Bührig, und so ging es offensichtlich auch seinem Team. „So ein gesamtes System zu erneuern braucht eine Menge Umsicht und langen Atem“, sagt er. Und: „Es muss immer wieder nachjustiert werden.“ Das ist wahrscheinlich die wichtigste Lehre von allen: Dass eine Reform nicht damit erledigt ist, dass man neue Strukturen schafft. Sondern sie mit Leben füllt, Dinge ändert, die nicht funktionieren und sie immer weiter entwickelt.
Medizin und Philosophie? „Das war ein bisschen Abenteuer“
Immer weiter entwickeln: Das macht Martin Bührig auch privat. 1957 in Bochum geboren, studierte er Medizin und Philosophie in Siena, Hamburg und Lübeck. In Siena? Medizin und Philosophie? „Das war ein bisschen Abenteuer“, sagt Bührig und lächelt. Aus einem Sprachkurs in Florenz wurde ein Medizinstudium in Siena, Philosophie mehr als Gasthörer. In Italien lernte er auch seine Frau kennen, nach dem Physikum wechselte Bührig zurück nach Deutschland. Die Liebe zur Philosophie blieb. „Psychiatrie und Philosophie ist eine ganz wichtige Verbindung.“
Er führt Beispiele an: Die Frage nach dem Freiheitsbegriff etwa. Die der Ökonomisierung des öffentlichen Lebens. Der demographische Wandel, die zunehmende Vereinsamung sind philosophische Themen, aber auch ganz praktisch psychiatrische: „Es gibt eine Zunahme an Syndromen, bei denen der dissoziale Charakter eine Rolle spielt“, sagt Bührig. „Die Bindungsfrage ist auf dem Prüfstand, viele Menschen sind halt- und bindungslos.“
Seine neueste Veröffentlichung ist ein Lyrikband
Dazu passt seine neueste Veröffentlichung: der Lyrikband „Symbolon“. „Die Griechen hatten eine besondere Beziehung zu dem anderen“, sagt Bührig. Das Symbolon, ein Tonring, der zerbrochen wurde, diente als Erkennungsstück unter Freunden. Seine zwei Hälften erhielten erst im Wiederzusammenfügen ihre Bedeutung. „Nichts hält uns als der andere“, sagt Bührig. Die Dinge hätten eine andere Dimension, die Verbundenheit eine besondere Tiefe.
Lyrik und Philosophie begleiten ihn ein Leben lang. Das Leben sei eben fragmentiert, sagt er schlicht, deshalb freue er sich, „auch anderes zu tun“. Die Lyrik konstant, durch viele Veröffentlichungen über die Jahre, die Philosophie bislang privat, durch Lektüre. „Seit ich 16 bin, lese ich täglich“, sagt Martin Bührig.
Nun aber sitzt er doch wieder in der Universität – und studiert Philosophie, diesmal richtig. Gerade hat er eine Hausarbeit über Nietzsches Genealogie der Moral geschrieben. Wie das ist, als vormaliger Privatgelehrter und einer Karriere als Chefarzt im Gepäck wieder in der Universität zu sein? „Natürlich bringe ich durch meine Lektüre einen Fundus mit“, sagt Bührig. Und dass gerade das neu und spannend sei, diesen selbst erlesenen Fundus auch wissenschaftlich zu überprüfen. Denn die große Frage bleibt, ob psychiatrisch oder philosophisch: „Was macht den Menschen aus?“
Karolina Meyer-Schilf

Dr. Martin Bührig leitete über 20 Jahre lang die Psychiatrie in Bremen-Nord, zuletzt war er zusätzlich auch für Bremen-Ost zuständig, bevor er die Leitung im vorigen Herbst an Nachfolger Dr. Deniz Karagülle abgab.
Foto: Gesundheit-Nord/Kerstin Hase