Wie krankhaft sind Verschwörungstheorien, wie „normal“ Wahnideen? Darum – und wie man gegen die bedrohliche Zunahme von Realitätsverzerrung und -verweigerung angehen kann – war das Thema eines Symposiums mit dem Titel „Verschwörungstheorien: eine Herausforderung für die Psychiatrie?“, das im Rahmen des DGPPN-Kongresses 2025 stattfand. Der „überwältigende Besuch“ zeige, wie sehr das Phänomen zugenommen habe, meinte der Leiter der Veranstaltung, Prof. Dr. med. Henning Saß, ehemaliger Direktor der Psychiatrischen Universitätsklinik der RWTH Aachen.
Offenbar habe die Pandemie zur allgemeinen Bereitschaft beigetragen, sich nicht mehr auf den „common sense“ zu verlassen. „Das epistemische Vertrauen scheint massiv gelitten zu haben“, bestätigte eingangs der Psychiater und Philosoph Prof. Thomas Fuchs aus Heidelberg diesen Eindruck. Inzwischen breiteten sich Verschwörungsideen auf andere Bereiche aus. Er sprach von Misstrauen gegenüber dem Mainstream, wobei die allgemeine Entwicklung und Krisenhaftigkeit und die daraus resultierende Suche nach erklärenden Theorien eine „Booster-Wirkung“ entfalte.
Er definierte eingangs die verschiedenen Formen von Irrtum bis Wahn, beschrieb Gemeinsamkeiten und Unterschiede. Angefangen beim – wiederlegbaren – Irrtum über das emotional unterlegte Vorurteil bis zur fixen Idee – vergleichbar den durch eine frühere Traumatisierung genährten Rachegedanken gegenüber dem Wal in Moby Dick. Hier ordnete er auch Fundamentalisten, Terroristen, Suizidtäter und Amoktäter ein. Davon grenzte er wiederum Wahnideen mit unkorrigierbarem Verfolgungswahn im Zusammenhang mit dem Erleben einer Krankheit oder sozialer Exklusion und narzisstisch-paranoiden Persönlichkeitszügen ab. Gar nicht mehr nachvollziehbar dann der Wahn im Rahmen einer Schizophrenie mit Gewissheit, Gedankeneingebungen und kommentierenden Stimmen.
Während krankhafter Wahn isolierend wirkt, kann Verschwörung Gemeinschaft stiften
Der große Unterschied: Der isolierende Charakter eines krankhaften Wahns gegenüber der geteilten und sogar gemeinschaftsstiftenden Verschwörungsüberzeugung. Charakteristisch hier: die Überzeugung, dass nichts durch Zufall geschehe, alles mit allem zusammenhänge. Die gern gestellte Frage „Wem nützt es?“ lasse dann die Politiker zu Marionetten – etwa der Impf-Industrie – werden. Eine besondere Form der Sinngebung.
Ähnlichkeiten zu Wahnideen: Ausschluss des Zufalls, die Truman-Show-Symptomatik (die Idee von Schauspielern um einen herum) sowie die Funktion, Sinn und Kohärenz in einer unüberschaubaren Welt zu geben, in der Unsicherheit, Ängste und Zweifel wachsen. Da weichen dann Empörung und Wut Ohnmacht und Angst – eine Gegenwehr, die die Handlungsfähigkeit wiederherstellt. Zugleich wirkten Verschwörungsideen – nicht zuletzt durch mediale Echokammern – ansteckend, förderten die Bildung von Gruppenidentitäten. Man werde mit einer narzisstischen Befriedigung belohnt, indem man sich für besonders halte, für wissend gegenüber den „Schafen“.
Das vermeintliche „Durchschauen” führt zu psychischer Stabilisierung
Ganz anders der krankhafte Wahn – mit Ausnahme der seltenen Folie à deux, bei der zwei eng verbundene Personen dieselbe Wahnvorstellung teilen. Paranoide Psychosen sind von Subjektzentrierung geprägt. Der Wahnerkrankte vermöge es nicht, in Austausch zu treten.
Aber bei beiden – den Wahnkranken und den Verschwörungsgläubigen – führe das vermeintliche „Durchschauen“ verborgener Verbindungen zu einer psychischen Stabilisierung und Entlastung angesichts einer bedrohlichen Hyperkomplexität. Die große Gefahr: Verschwörungsideen seien bedeutsame Erscheinungsformen des Verlusts des „Grundvertrauens in eine gemeinsame Wirklichkeit“.
Wie massiv sich eine wachsende Verschwörungsidee im Privaten auswirken kann, zeigte Prof. Henning Saß an einem drastischen Einzelfall auf, den der forensische Experte begutachtet hatte. Ein ohne Auffälligkeiten aufgewachsener Mann, Fachhochschulreife, Krankenpflegehelferausbildung mit sehr gut abgeschlossen, heiratet eine Krankenschwester und zieht nach Geburt des ersten Kindes aufs Land. Das „Wetterleuchten“, so Saß, beginnt, als er schuldlos in einen Unfall verwickelt wird, bei dem ein Kind verletzt wird, woraufhin er sich, obwohl schuldlos, Vorwürfe macht. Es folgt eine Spirale. Nach psychosomatischen Beschwerden, dem Gefühl, gemobbt zu werden, folgt ein Rückzug von der Arbeit mit Differenzen mit der Frau. Er macht ihr rigide religiöse Kleidungs-Vorschriften. Will nach Querelen mit dem Arbeitsamt Missionar werden, findet aber keine geeignete Bibelschule. Nach der Trennung droht der Sorgerechtsverlust, und er flieht mit vier Kindern nach Ägypten und Senegal – wird aber ausgeliefert und 2012 zu einer eineinhalbjährigen Haftstrafe verurteilt.
Fließende Übergänge zwischen Querulanz, Fanatismus und Querdenkertum
Später gründet er eine neue Familie mit drei Kindern. Die Eltern bilden gemeinsame Überzeugungen aus (Schädigung durch Mobilfunk, Aluminium, Strahlen aus dem All, Medikamente, Impfungen …). Schließlich flieht die Familie in den Wald, lebt dort vier Monate unentdeckt. Getreu dem Alten Testament („Bläue den Kindern den Rücken“) übt er Strafrituale an ihnen aus. Erklärt: er „bewahre das Kind davor, zu sündigen, züchtige er es nicht, sündige er“. 2024 folgt ein erneuter Strafprozess. Saß spricht von fanatisch-querulatorischen Persönlichkeitszügen. Unkorrigierbar. Daher wahnhafte Störung. Inzwischen lebe der Mann unauffällig und zurückgezogen in der JVA. Fazit: Es gebe fließende Übergänge zwischen Querulanz, Fanatismus und Querdenkertum, die in diesem Fall nicht in pathologische Wahnphänomene reingingen. Dagegen sprachen laut Gutachten die soziokulturelle Einbettung der Überzeugungen und der fehlende Eigenbezug.
„10 bis 30 Prozent der Allgemeinbevölkerung für Verschwörungstheorien empfänglich”
Was tun? Eine Antwort brachte Prof. Elmar Habermeyer aus Zürich mit. Er sprach von 10 bis 30 Prozent der Allgemeinbevölkerung, die Schätzungen zufolge für Verschwörungstheorien empfänglich seien. Bei Radikalisierung bis hin zu Gewalt seien im Vorfeld oft antisoziale Persönlichkeitsanteile im Spiel. Er verwies auf Andreas Baader, der die RAF-Bewegung genutzt habe, um diese Persönlichkeitsanteile auszuleben. Warnsignale seien Äußerungen mit Gewaltbefürwortung.
Zürich hat vor zehn Jahren eine Präventions-Fachstelle gebildet. Hier wurden allgemeine Warnsignale zusammengetragen sowie sogenannte proximale Warnzeichen, die auf ein unmittelbar bevorstehendes Delikt hinweisen könnten – sowie Vorbilder, Drohungen, Planungen. Wie beim Anschlag von Hanau gebe es im Vorfeld häufig Ankündigungen über Manifestationen. Ähnlich wie bei Suizidalität sei oft kurz vor einer Tat eine Aktivitätssteigerung feststellbar.
In Zürich würden „Gefährder“ von der Polizei angesprochen und einen Termin bekommen. Erstaunlich: Obwohl freiwillig, würden sich 80 Prozent beteiligen. Oft schafften es die Ansprecher, mit den Gefährdern in einen Dialog zu treten.
Fazit: Ein gewisses Risikoklientel könne erfasst werden. Wichtig sei Beziehungsarbeit statt Kontrolle und Überwachung. Und: Die Psychiatrie allein löst keine sozialen Probleme, machte Habermeyer deutlich.

Das vermeintliche „Durchschauen“ verborgener Verbindungen und Verschwörungsideen führen zu einer psychischen Stabilisierung und Entlastung angesichts einer bedrohlichen Hyperkomplexität. ymbolfoto: unsplash