„Sanft entschlafen”

Dorothea Buck im Jahr 2017, als ihr kurz vor dem 100. Geburtstag von Gesundheitssenatorin Cornelia Prüfer-Stocks die „Medaille für treue Arbeit im Dienste des Volkes in Silber“ überreicht wurde. Foto: Hinrichs

Dorothea Buck, Ehrenvorsitzende der Psychiatrie-Erfahrenen, ist heute gegen 9 Uhr morgens in Hamburg gestorben. Sie sei „sanft entschlafen“, berichtete auf EPPENDORFER-Anfrage Alexandra Pohlmeier. Die Regisseurin des Films „Himmel und mehr“ – einer dokumentarischen Hommage an die Grand Dame der Psychiatrie-Erfahrenen – war eine enge Freundin der Verstorbenen, die am 5. April 102 Jahre alt geworden war.

Dorothea Buck habe schon seit längerem phasenhaft sehr viel geschlafen und die letzten Tage sehr abgebaut und nur wenig gegessen und getrunken. Schmerzen habe sie keine gehabt. „Sie ist sehr sanft und in ihrem eigenen Sinne ‘rübergekommen“, so Pohlmeier.

Die Bildhauerin und Autorin lebte seit 2013 im Albertinen-Haus in Hamburg Schnelsen, wo sie ihr Leben in den letzten Jahren im Bett verbrachte – lesend, Radio hörend mit viel Besuch. Anlässlich ihres hundertsten Geburtstages füllte sich ihr Zimmer noch einmal stark. Denn knapp zwei Monate vor dem Geburtstag war die Besitzerin von bereits zwei Bundesverdienstkreuzen für ihren Einsatz für eine menschliche Psychiatrie vom Ersten Bürgermeister der Stadt Hamburg auch noch mit der „Medaille für treue Arbeit im Dienste des Volkes in Silber“ ausgezeichnet worden.

2017, anlässlich der Ehrung im Kreis ihrer „Vertrauten“: Dorothea Buck mit Fritz Bremer (v. li.), damals noch Leiter des Paranus Verlags, wo ihre Bücher erschienen, Joachim Speicher, damals noch Landes-Vorsitzender des Paritätischen, unter dessen Dach die Stiftung Dorothea Bucks „schlüpfte“, Trialog-Mitstreiter Prof. Thomas Bock, Gyöngyver Sielaff, die das EX-IN-Projekt leitet, die Freundinnen Monika Schöne und Gabriele Heuer sowie Alexandra Pohlmeier, Freundin und Filmemacherin aus Berlin, die den Film „Himmel und mehr“ über Dorothea Buck gedreht hat. Foto: Hinrichs

Gesundheitssenatorin Cornelia Prüfer-Storcks kam damals persönlich ins Albertinen-Haus und verlieh die Auszeichnung am Pflegebett der Geehrten. Zudem verlas sie dort eine lange Laudatio. Vor dem Hintergrund ihrer Lebensgeschichte habe sie als „außerordentlich mutige, streitbare und kämpferische Persönlichkeit wegweisende Veränderungen in der Psychiatrie angestoßen“. Sie habe durch ihr Wirken zu einer Entstigmatisierung psychisch kranker Menschen und zu einer menschlicheren Psychiatrie beigetragen, so die Senatorin.

In Bethel zwangssterilisiert


Dorothea Buck wurde 1917 in Naumburg a. d. Saale geboren, wo sie als viertes von fünf Kindern aufwuchs. 1936 wurde sie mit der Diagnose „Schizophrenie” in die v. Bodelschwinghschen Anstalten in Bethel eingewiesen. Dort lernte sie erstmals die menschenverachtenden, damals üblichen Praktiken der Psychiatrie – wie unter anderem Dauerbäder und Kaltwasserkopfgüsse zur „Disziplinierung“ – kennen. Als besonders erniedrigend empfand sie jedoch die „völlige Sprachlosigkeit“: Die Patienten untereinander hatten Sprechverbot. In Bethel habe sie in einem dreiviertel Jahr kein einziges ärztliches Gespräch erlebt.

Aufgrund des „Gesetzes zur Verhütung erbkranken Nachwuchses“ wurde sie am 18. September 1936 zwangssterilisiert. Ab 1942 besuchte sie die private Städel-Kunsthochschule in Frankfurt am Main. 1943 erlebte sie während eins weiteren Psychiatrieaufenthaltes in der Universitätsklinik in Frankfurt am Main, wie Mitpatientinnen und Mitpatienten Opfer der sogenannten Euthanasie und ermordet wurden, heißt es in ihrem Wikipedia-Eintrag. Insgesamt erlebte sie zwischen 1936 und 1959 fünf schizophrene Schübe.

Ab 1969 als Kunstlehrerin in Hamburg tätig

Nach freiberuflicher bildhauerischer Tätigkeit arbeitete sie von 1969 bis 1982 als Lehrerin für Kunst und Werken an der Fachschule für Sozialpädagogik in Hamburg – und begann sich mehr und mehr für die Rechte und für eine bessere Behandlung von psychisch kranken Menschen stark zu machen. Sie war Mitgründerin der heutigen Arbeitsgemeinschaft Bund der „Euthanasie“-Geschädigten und Zwangssterilisierten. Ihr erstes Buch „Auf der Spur des Morgensterns – Psychose als Selbstfindung“ machte vielen Mut und warb auch unter Profis für eine neue Sichtweise. Zusammen mit Prof. Thomas Bock, bis vor kurzem Leiter der Psychosen-Ambulanz an der Universitätspsychiatrie Hamburg-Eppendorf (UKE), initiierte sie 1989 das erste Psychose-Seminar in Hamburg und warb bei vielen Vorträgen und in zahlreichen Veröffentlichungen für die Idee des so genannten Trialogs zwischen Betroffenen, Angehörigen und in der Psychiatrie Tätigen. Auch Projekte wie der Verein „Irre menschlich Hamburg e.V.“ und die EXperienced-INvolvement-Bewegung, die sich der Ausbildung von Betroffenen und Angehörigen zu Genesungsbegleitern widmet, beruhen mit auf den Ideen von Dorothea Buck.

Per Skype und Konferenzsystem wurde Dorothea Buck beim Symposium anlässlich ihres 100. Geburtstages live zugeschaltet. Foto: Hinrichs

Großes Symposium zum 100. Geburtstag


Ihr Geburtstag selbst wurde 2017 mit rund 600 Menschen in der Hamburger Universität mit einem trialogischen Symposium gefeiert, das den Titel „Auf der Spur des Morgensterns. Menschenwürde + Menschenrechte in der Psychiatrie” trug. Dort kamen Mitarbeiter des psychiatrischen Hilfesystems, Angehörige und viele viele Psychiatrie-Erfahrene zusammen, die teils von weit her angereist waren. Und auch die im Heim lebende Ikone der Betroffenenbewegung selbst war live dabei: Per Skype und Konferenzsystem, das der Paritätische eigens für diesen Anlass organisiert hatte. Munter und fröhlich winkte sie damals aus dem Bett ins Publikum.

Was für ein Leben. Was für ein Wirken. Wir ziehen den Hut. Ganz tief.

A. Hinrichs


Weitere Berichterstattung und Würdigungen zum Tode Dorothea Bucks entnehmen Sie der nächsten EPPENDORFER-Printausgabe, die am 5. November gedruckt wird.