„Ein mehrfacher
Millionenwerth”

Das von Agnes Richter genähte und mit autobiographischen Texten bestickte Jäckchen von 1895 sollte dazu dienen, sich in der Anstalt die Identität zu bewahren ... Foto: Sammlung Prinzhorn

Carl Lange sah um 1900 Erscheinungen, „Wunderbilder” auf den Einlegsohlen seiner Schuhe. In den Skizzen, die er davon machte, erkannte er „einen mehrfachen Millionenwerth“. So heißt nun auch die Ausstellung fragiler Schätze,  die  – mit Corona-bedingten Einlassbeschränkungen – noch bis Ende Oktober in Heidelberg zu sehen sind. Es handelt sich um  Werke der historischen Sammlung Prinzhorn, die aufgrund ihres prekären Zustandes nicht mehr präsentiert und in der Regel auch nicht mehr verliehen werden können. 

Sie sind in der Zeit zwischen 1825 und 1930 entstanden. Die Patientenkünstler verwendeten zumeist minderwertige Materialien, wie z.B. Pappe, Zeitungs-, Pack- oder Toilettenpapier, Bleistifte, Kopier- oder Korrekturstifte der Ärzte. Hochwertigere Materialien standen nur Patientienten und Patientinnen der 1. Klasse zur Verfügung. Hinzu kommt, dass die Werke erst in den 1980ern erstmals fachgemäß archiviert und konserviert wurden. Aus diesen Gründen sind viele Werke der Sammlung heute sehr lichtempfindlich und in besonderem Maße vom Zerfall bedroht.

So auch das von Agnes Richter genähte und mit autobiographischen Texten bestickte Jäckchen von 1895, mit dem sie sich in der Anstalt ihre Identität bewahrte. Ebenfalls gezeigt wird die transparente Zeichnung eines Hexenkopfes von Hans Prinzhorns „schizophrenem Meister“ August Natterer, die von „Halt-gegens- Licht”-Ansichtskarten inspiriert war und bei Beleuchtung unsichtbare Motive hervortreten lässt. 

„Billionlen“ oder „Seidublonen Mark“

Es gibt auch Unbekanntes zu entdecken. Gezeigt wird eine große Vielfalt von selbstgefertigten, -verfassten und -illustrierten Heften und Büchern, von denen zahlreiche noch nie ausgestellt waren, z.B. drei Hefte von Konrad Zeuner, in denen er die Schöpfungsgeschichte auf Deutsch, Englisch und Französisch nacherzählt und illustriert. „Ein mehrfacher Millionenwerth“ spiegelt sich übrigens auch in der Auswahl mancher Werke, so zum Beispiel in den zahlreichen von Else Blankenhorn gezeichneten Geldscheinen über fantastisch hohe Summen, „Centuplonen“, „Billionlen“ oder „Seidublonen Mark“, die sie schuf, um die Auferstehung beerdigter Liebespaare zu finanzieren.

„Fragiles und Empfindliches findet sich als Spiegel der krisenerfahrenen Psyche schließlich auch in den Motiven mancher Werke wieder: zarte, ephemere Gestalten, Geister, Engel, geflügelte oder göttliche Seelenwesen, Vögel, Schmetterlinge und Feen tauchen auf. Oftmals werden sie von Fabeltieren wie Drachen und Sphingen oder vom Sensenmann bedroht“, so die Sammlung Prinzhorn in ihrer Ausstellungsankündigung. 

Der Leiter der Sammlung Dr. Thomas Röske in einem Film einen Einblick in die Sonderausstellung „Ein mehrfacher Millionenwerth”.

Dauerausstellung wiedereröffnet

Anfang Juni wurde auch die Dauerausstellung: Die Sammlung Prinzhorn – Von „Irrenkunst“ zur Outsider Art eröffnet. Zuvor wurde ein Teil des Museums umgebaut und eine zusätzliche 90 qm große Ausstellungsfläche geschaffen. Hier sind rund 120 Werke aus psychiatrischem Kontext von Mitte des 19. Jahrhunderts bis heute zu sehen. Die begleitenden Texte stellen die Geschichte der Sammlung vor und geben Einblick in Themen wie Psychiatriegeschichte, Alltag in der Psychiatrie um 1900 und Künstlerreaktionen auf die Sammlung.

Die Sammlung Prinzhorn

Die einzigartige Sammlung Prinzhorn ist seit September 2001 öffentlich zugänglich, nachdem das ehemalige Hörsaalgebäude der Neurologischen Klinik für Museumszwecke umgestaltet wurde. Der Kunsthistoriker und Assistenzarzt der Heidelberger Psychiatrischen Klinik Hans Prinzhorn (1886– 1933) legte zwischen 1919 und 1921 eine Sammlung bildkünstlerischer und schriftlicher Werke von Anstaltsinsassen an. Heute würde man von so genannter ‚Outsider Art‘ und Aufzeichnungen Psychiatrie-Erfahrener sprechen. Die historische Sammlung umfasst etwa 6.000 Werke: Zeichnungen, Aquarelle, Briefe, Texte, Notationen, Bücher, Hefte, Collagen – zum Teil auf schwer zu erhaltenden Gebrauchspapieren – sowie rund 150 Ölgemälde, 30 textile Arbeiten und 70 Holzskulpturen. Sie entstanden zwischen 1825 und 1930 und stammen von rund 435 Anstaltsinsassen aus dem deutschen Sprachraum, wenige kamen aus Italien, Frankreich, Polen und Japan nach Heidelberg. Auch aktuell wächst die Sammlung beständig: Die Neuerwerbungen seit 1945 umfassen bis heute 30.000 Objekte. (Quelle: Sammlung Prinzhorn)

Kontakt: Sammlung Prinzhorn, Voßstraße 2, 69115 Heidelberg, Besucherinformation während der Öffnungszeiten: +49 (0)6221 / 56 4739 www.sammlung-prinzhorn.de