Wie erlebt eine Pflegekraft Gewalt auf einer psychiatrischen Intensivstation? Darüber sprachen wir mit Dörte Taubald*, Mitarbeiterin im Klinikum Wahrendorff. Das Gespäch fand am Rand eines Symposiums des Pflegenetzwerks psychiatrischer Intensivstationen Niedersachsen statt. Diese Initiative hat sich zum Ziel gesetzt, die Situation auf den – auch geschlossen oder geschützt genannten – Akutstationen zu verbessern.
EPPENDORFER: Bemerken Sie in Ihrem Berufsalltag eine Zunahme von Gewalt?
DÖRTE TAUBALD: Ja, die Hemmschwelle in der Gesellschaft ist gesunken. In manchen Milieus gilt Gewalt als normal, etwa in Form verbaler Angriffe, wenn man mich zum Beispiel als Schlampe beschimpft. Auch körperliche Übergriffe haben zugenommen – nicht nur gegen Menschen, sondern auch gegen Gegenstände. Etwa, wenn jemand einen Mülleimer tritt, weil der Ausgang ausfällt, oder im Vorbeigehen mit der Faust gegen die Wand schlägt. Solche Handlungen wirken oft beiläufig, doch sie schaffen Unsicherheit. Selbst kleine Rempeleien können dieses Gefühl verstärken. Sexualisierte Gewalt, wie das Greifen an den Hintern, betrifft Männer und Frauen. Männer sprechen jedoch seltener darüber, weil die Scham größer ist. Insgesamt hat die Sensibilität für Gewalt zugenommen – und das ist gut so.
EPPENDORFER: Haben Sie selbst auch Gewalterfahrungen gemacht?
TAUBALD: Ja, während meiner Ausbildung würgte mich ein Patient am Hals, als wir ihn von der offenen auf die geschlossene Station verlegten. Die Reaktion der Kollegen entsprach damals dem üblichen Ton: „Stell dich nicht so an. Du weißt doch, wo du arbeitest.“
EPPENDORFER: Und wie würde heute darauf reagiert werden?
TAUBALD: Heute würde man die Situation verlassen. Die Stationsleitung, Kolleginnen und Kollegen sowie ein Safe Coach bieten ein Gespräch an und prüfen, ob eine Auszeit in einem anderen Bereich möglich ist.
EPPENDORFER: Was macht das mit Ihnen, als Pflegekraft, wenn sie selbst Gewalt anwenden müssen bei Patienten, die sie fixieren?
TAUBALD: Fixieren bedeutet strukturelle Gewalt – und wenn man mit mehreren am Fixierbett steht, ist das kräftezehrend. Zwar soll die Situation deeskalierend wirken: Ein Kollege oder eine Kollegin steht am Kopfende, spricht mit dem Patienten, erklärt alles. Doch der Patient befindet sich in einer schweren Krise, missversteht vielleicht die Lage und glaubt, der Teufel stehe vor ihm. Kein Wunder, dass er schreit, tritt, schlägt, spuckt – aus Angst! Wir nehmen ihm die Kontrolle, und das verstärkt seine Furcht. Dabei schießt mir das Adrenalin durch den Körper. Es geht mir nahe, wenn ein Mensch hilflos daliegt und das ertragen muss. Seine Anspannung überträgt sich auf uns – und das ist belastend.
EPPENDORFER: Wie haben sich die Fixierungszahlen in Ihrem Haus entwickelt?
TAUBALD: Seit unserem Umzug in den Neubau vor zwei Jahren sinken die Zahlen. Dort herrscht ein völlig anderes Milieu: ein Innenhof, ein Rundlauf, mehr Therapiemöglichkeiten sowie gezielte Maßnahmen zur Deeskalation und Stressprävention prägen die Atmosphäre.
EPPENDORFER: Welche Folgen tragen die Patienten davon und was passiert nach einer Fixierung?
TAUBALD: Die Reaktionen fallen unterschiedlich aus. Wer zuvor Ähnliches erlebt hat, etwa sexuelle Gewalt in der Kindheit, läuft Gefahr, retraumatisiert zu werden. In der Nachbesprechung, die nach jeder Fixierung erfolgt, ordnet man den Kontext ein und stellt beispielsweise klar: Das geschah 1980, nicht heute.
Anke Hinrichs (Originalveröffentlichung im EPPENDORFER 1/2026. In der Printausgabe berichten wir zudem ausführlich über das Pflegenetzwerk-Symposium. )
- Vor 17 Jahren arbeitete Dörte Taubald (37) selbst als Pflegekraft auf einer geschützten Station, bis ihr die Gewalterfahrungen „zu herausfordernd“ wurden und sie in den offenen Bereich wechselte. Nach einer Fortbildung zur Traumazentrierten Fachberaterin betreut sie heute PatientInnen mit Traumahintergrund als Nebendiagnose. Zudem gehört sie zu den 18 Safe Coaches in Wahrendorff, die nach dem hauseigenen Konzept geschult wurden und Mitarbeitende unterstützen, die Gewalt erlebt haben.
- Das Safe-Management-Konzept in Wahrendorff ruht auf vier Säulen: Safe-Coach (kollegiale psychische Ersthilfe), Safetember (Aktionsmonat zur Prävention), Safe-Work (praxisnahe Fortbildungen) und Safe-Assessment (strukturiertes Gewaltschutzkonzept). Dieser Ansatz, der nach Angabe des Klinikums über gesetzliche Vorgaben hinausgehe, stärke die Resilienz der Mitarbeitenden, schaffe ein sicheres Arbeitsumfeld und verbessere die Klientenversorgung.


Dörte Taubald (37) ist Pflegekraft und Traumazentrierte Fachberaterin. Foto: Hinrichs