Miteinander zu reden ist für Menschen wichtig. Wenn traumatische Ereignisse das Leben erschüttern, ist die Kommunikation aber vielfach unterbrochen. Die Gräuel von Krieg und Gewalt, die Begegnung mit Vertreibung und Tod lassen sich nur schwer in Worte fassen. Doch das Unausgesprochene entwickelt nicht selten ein Eigenleben, kehrt in Albträumen und Panikattacken immer wieder. Die Betroffenen ziehen sich vielfach aus der Gemeinschaft zurück, um Auslöser für ihre Ängste zu vermeiden, was aber letztlich das Leid verschlimmert. Gerade in Krisengebieten mit fortdauernder Bedrohung stellt sich die Frage, wie diesen Menschen zu helfen ist, da häufig auch nur kurze Zeiträume zur Verfügung stehen.
Die klinische Psychologin Maggie Schauer hat mit Unterstützung der Journalistin Nataly Bleuel ein lesenswertes Buch geschrieben, das die hilfreiche Methode der „Narrativen Expositionstherapie“ beschreibt.
In jahrelanger Forschung konnte belegt werden, dass diese Form des strukturierten autobiografischen Erzählens heilsam wirkt. Dabei geht es auf keinen Fall darum, Betroffene zu drängen, über ihre schlimmen Erlebnisse zu sprechen, sondern vielmehr darum, eine kontinuierliche Erzählung über das eigene Leben zu entwickeln.
Positive Ereignisse sollen ebenso in den Blick genommen werden wie die dramatischen. Wichtig ist ein Gegenüber, dem es gelingt, dieser Lebenslinie zu folgen, ohne die Ereignisse zu bewerten. Die therapeutisch Tätigen hören zu, schreiben auf und lesen dann die entstandene Story den Traumatisierten wieder vor. Damit wird das Erlebte greifbar, es wird bezeugt und an-
erkannt.
Zuhören, aufschreiben und vorlesen
Wie Maggie Schauer beschreibt, ist das auch im Sinne des Menschenrechts von außerordentlicher Bedeutung. Diskriminierung und Ausgrenzung bekommen eine Stimme, statt im Verborgenen ihr Unwesen zu treiben. In ihren langjährigen Projekten konnten die Forschenden nachweisen, das selbst unter prekären Bedingungen von Armut und Krieg die Traumatisierten zu aktiver und konstruktiver Lebensgestaltung zurückfinden konnten, während Menschen ohne die Behandlung weiter von ihren Traumata gegeißelt wurden. Im Vergleich dazu hatten rein beratende, zukunftsorientierte Gespräche nicht denselben Effekt. Es geht also darum, das eigene Erleben in einen Kontext zu stellen, die Vergangenheit erzählbar zu machen, um der Zukunft zu begegnen.
In Zeiten knapper Ressourcen Hoffnung für viele Traumatisierte
Dieses Erzählen, Zuhören, Aufschreiben und wieder Vorlesen ist sicher nicht nur in Katastrophenregionen von großem Wert. Die an der Universität Konstanz in Zusammenarbeit von Maggie Schauer, Frank Neuner und Thomas Elbert entwickelte Methode bietet in Zeiten knapper Ressourcen Hoffnung für viele Traumatisierte. Das Buch ist ein Aufruf, sich angesichts von Krieg, Krisen und vererbten Traumata nicht ohnmächtig zu fühlen, sondern die Chancen auch kurzzeitiger Interventionen zu erkennen, wenn sie mit dem entsprechenden Wissen, strukturiert und empathisch durchgeführt werden können.
Verena Liebers
Dr. Maggie Schauer und Nataly Bleuel: „Die einfachste Psychotherapie der Welt: Wie wir die Ursache von Stress und Krankheit behandeln und den Kreislauf von Trauma und Gewalt durchbrechen“, Rowohlt Taschenbuch 2024, 4. Auflage, 320 Seiten; 18 Euro.

Die Privatdozentin Dr. Maggie Schauer ist Psychologin und ausgewiesene Expertin für die Behandlung von Traumafolgestörungen. © Claudia Gori