Mit Cannabis gegen
PTBS-Albträume

THC steht für Tetrahydrocannabinol. Es ist der wichtigste Stoff in der Hanfpflanze (Cannabis), der den Rausch auslöst. Unter dem Namen Dronabinol wird THC von Ärzten verschrieben - zum Beispiel gegen starke Schmerzen, Appetitlosigkeit bei schweren Krankheiten oder Übelkeit nach einer Chemotherapie. Symbolfoto: unsplash

Erfahrungen aus Israel mit Holocaust-Überlebenden wiesen bereits vor Jahren auf einen möglichen Nutzen hin – nun liefert eine Studie der Charité erstmals robuste wissenschaftliche Daten

Jahrzehntelang litten manche Holocaust-Überlebende unter den Folgen ihrer traumatischen Erlebnisse: wiederkehrende Albträume, Schlafstörungen und nächtliche Panikattacken begleiteten sie oft bis ins hohe Alter. In Israel berichteten einzelne Betroffene und behandelnde Ärztinnen und Ärzte bereits vor Jahren von positiven Erfahrungen mit medizinischem Cannabis. Der Wirkstoff THC schien bei manchen Menschen die belastenden Träume zu verringern und wieder ruhigeren Schlaf zu ermöglichen.

Was damals vor allem auf Beobachtungen und Einzelfällen beruhte, wird nun durch eine wissenschaftliche Untersuchung der Charité – Universitätsmedizin Berlin genauer beleuchtet: Forschende konnten in einer kontrollierten Studie zeigen, dass das THC-haltige Medikament Dronabinol traumabedingte Albträume bei Menschen mit Posttraumatischer Belastungsstörung (PTBS) deutlich lindern kann.

Mehr als 170 Patientinnen und Patienten mit PTBS und häufigen, intensiven Albträumen nahmen an der Untersuchung teil. Zehn Wochen lang erhielten sie entweder Dronabinol oder ein Placebo. Die Studie wurde doppelblind und placebokontrolliert durchgeführt – weder die Behandelnden noch die Teilnehmenden wussten, wer den Wirkstoff erhielt.

Das Ergebnis: In der Dronabinol-Gruppe gingen die Albträume deutlich stärker zurück als in der Placebo-Gruppe. Auf einer Skala von null bis acht Punkten verringerte sich die Belastung durch Albträume durchschnittlich um 3,7 Punkte. In der Placebo-Gruppe sank der Wert um 2,2 Punkte.

Mehr als ein Drittel ohne Albträume

Besonders deutlich war der Effekt bei einem Teil der Betroffenen: Mehr als ein Drittel der mit Dronabinol behandelten Patientinnen und Patienten berichtete nach zehn Wochen, überhaupt keine Albträume mehr zu erleben. Weitere 21 Prozent gaben an, dass sich die Belastung durch die Albträume mindestens halbiert habe.

„Mehr als ein Drittel der mit Dronabinol Behandelten berichteten, dass sie nach zehn Wochen gar keine Albträume mehr erlebt haben“, erklärte Studienleiter Prof. Stefan Röpke von der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie am Campus Benjamin Franklin der Charité.

Wirkung auf Schlaf und Traumgeschehen

Bei einer PTBS kann das Gehirn belastende Erlebnisse nicht ausreichend verarbeiten. Die Erinnerungen bleiben unkontrollierbar aktiv und können Betroffene auch nachts in Form intensiver Albträume heimsuchen. Häufig sind Schlafmangel, Angst vor dem Einschlafen und eine dauerhafte psychische Belastung die Folge.

Bisher verfügbare Medikamente wie Antidepressiva oder blutdrucksenkende Mittel helfen gegen diese Albträume oft nur eingeschränkt. Ein speziell zugelassenes Medikament gegen traumabedingte Albträume gibt es in Deutschland bislang nicht.

Die Forschenden vermuten, dass THC über das körpereigene Endocannabinoid-System wirkt, das unter anderem an Schlaf, Stressregulation und der Verarbeitung emotionaler Erinnerungen beteiligt ist. Besonders während des REM-Schlafs, in dem intensive Träume auftreten, könnte der Wirkstoff die Traumaktivität und damit verbundene Stressreaktionen abschwächen.

Keine schweren Nebenwirkungen festgestellt

Die Studie zeigte, dass Dronabinol vor allem die Albträume und den Schlaf beeinflusste. Die allgemeine Schwere der PTBS sowie begleitende Depressionen veränderten sich hingegen nicht eindeutig.

Schwere Nebenwirkungen traten laut den Forschenden nicht auf. Häufiger beobachtet wurden leichtere bis mittelgradige Beschwerden wie Schwindel, Kopfschmerzen oder gesteigerter Appetit. Nach dem Absetzen des Medikaments stellten die Forschenden keine Entzugserscheinungen fest.

Ob die Behandlung auch langfristig sicher und wirksam bleibt oder ob sich mit der Zeit ein Gewöhnungseffekt entwickelt, soll in weiteren Untersuchungen geklärt werden. (hin/rd/PM)