Eine junge Mutter wird als Mörderin von fünf ihrer sechs Kinder angeklagt, und die Journalistin Prune Antoine ist von diesem Fall nahezu elektrisiert. In einer Mischung aus Reportage und Fiktion versucht sie sich dem Geschehen anzunähern. Dabei möchte sie weder entschuldigen noch verurteilen, sondern Verständnis für das Geschehen entwickeln – und für sich selbst. Denn ihr eigenes Leben ist durch das Muttersein gerade erst aus den Fugen geraten.
Im Französischen ist das Buch mit „La mère diabolique“ betitelt, was dem Inhalt etwas näher kommt als die Übersetzung „Eine Frau in Deutschland“. Die teuflische Mutter oder besser das Teuflische am Muttersein sind das eigentliche Thema des Buchs. Die Autorin schildert eindrücklich, dass Mutter werden und Mutter sein in den Köpfen vieler Menschen mit einem Klischee von Glück verbunden ist, das der Realität oft nicht standhält. Sie mahnt an, dass weder die Not von Frauen, die abtreiben wollen, noch das Leid der Gebärenden und die Carearbeit in der Gesellschaft ausreichend anerkannt werden. Indem sie ihre persönliche Verzweiflung darstellt, die sie bei einer Abtreibung und schließlich der Geburt ihrer Tochter erlebt hat, schlägt die Autorin eine Brücke zu der als Mörderin angeklagten Person.
Ablenkung von eigener Wut und Unzulänglichkeit?
Mit dem Finger auf eine Frau zu zeigen, die es gewagt hat, ihre Kinder zu töten, lenkt möglicherweise nur von der eigenen Wut und Unzulänglichkeit ab, ist die These, die sich zwischen den Zeilen liest. Wenn wir uns alle der inneren Untiefen bewusst werden, statt sie zu verleugnen, erscheinen uns die Angeklagten nicht mehr wie Unwesen von einem anderen Stern.
Dann könnten wir sie als hilfsbedürftige Personen erkennen. Menschen wie du und ich, die aber im Netzwerk von Diskriminierung, Einsamkeit und Mobbing irgendwann die Nerven verloren haben. Lange vor der Tat hätten sie der Unterstützung bedurft. So wie die Autorin die Geschichte der Christiane K. zwischen Fiktion und Realität erzählt, wird auch klar, wie schwer es für Außenstehende ist, das Dilemma der Verzweifelten zu erkennen. Christiane K. bemühte sich, dem Ideal einer Mutter nahezukommen, fiel nirgends auf, versorgte die Kinder vorbildlich. Traumata, chaotische Beziehungserfahrungen, alkoholisierte und nicht verlässliche Männer waren aber beständig Teil ihrer Realität. Irgendwann konnte sie die große Belastung dann nicht mehr kompensieren, das Idealbild zerbrach in 1000 Teile.
Buch thematisiert auch die Corona-Zeit und die Folgen von Isolation
Das Buch thematisiert auch die Corona-Zeit und welche dramatischen Konsequenzen die Isolationsmaßnahmen gerade für psychisch labile und/oder stark belastete Men-
schen hatte. Zudem wird die große Schwierigkeit, psychiatrische Diagnosen zu stellen, angesprochen. Es gibt keine messbaren Biomarker, die eine Depression oder gar eine Dissoziation anzeigen. Ärzte sind auf Gespräche, das Überprüfen diagnostischer Kennzeichen angewiesen. Es bleibt immer eine Grauzone und damit Spielraum für Fehlentscheidungen. Machtgefälle und eine auf Männer ausgerichtete Medizin sind zusätzliche Stolpersteine.
Die Mischung aus Reportage und Fiktion macht „Eine Frau in Deutschland“ zu einer durchaus spannenden Lektüre, die nicht den Anspruch erhebt, das Familiendrama exakt nachzuzeichnen. Vielmehr geht es darum, den Finger in die Wunde zu legen und aufzuzeigen, wie wichtig es ist, Mütter in ihrer Wirklichkeit zu begleiten, in der auch Wut und Depression einen Platz haben.
Ein Buch, das zum Nachdenken anregt. Verena Liebers
(Originalveröffentlichung im EPPENDORFER 1/2026)
Prune Antoine: „Eine Frau in Deutschland. Der Fall der Christiane K.“, Hanser Berlin, Berlin 2025, 256 Seiten, 25 Euro.

Die Journalistin Prune Antoine versucht sich In einer Mischung aus Reportage und Fiktion einem Fall von Muttermorden anzunähern. Foto: © Hanser-Verlag / Chloe Desnoyers