Zwischen allen Polen: Thomas Melle

Thomas Melle machte seine psychische Erkrankung zum Thema eines literarischen Bestsellers. Foto: Rowohlt / Dagmar MorathThomas Melle machte seine psychische Erkrankung zum Thema eines literarischen Bestsellers. Foto: Rowohlt / Dagmar Morath

Er gilt als einer der Favoriten für die Verleihung des Deutschen Buchpreises, dessen neuer Träger am 17. Oktober zum Auftakt der Frankfurter Buchmesse verkündet wird. Für die so oft vergeblich um Verständnis ringende Psychiatrie und alle davon Betroffenen ist dieses Werk auch ohne Preis ein Hauptgewinn. Mit „Die Welt im Rücken“ ist Thomas Melle neben der literarischen Hochwertigkeit ein großartiges Zeugnis des Verlaufs einer manisch-depressiven Erkrankung und der ihr innewohnenden unendlichen Tragik gelungen.

Im Berliner Club Berghain trifft er in einer Nacht den von ihm gehassten Picasso, dem er Rotwein auf die Hose kippt, zu anderer Zeit glaubt er, er habe Sex mit Madonna gehabt. Melle ist „Bipolar I“, wobei er die alte Bezeichnung manisch-depressiv als ehrlicher vorzieht. Doch der Oberbegriff Bipolare Störungen lässt mehr Differenzierungen zu. Und Bipolar I bedeutet, Melle leidet an der stärksten Form. Auch Wahnvorstellungen treten bei ihm auf. Er erlebt drei schwere manische Schübe, die im Buch beschrieben werden: 1999, 2006 und 2010. Der dritte dauert fast eineinhalb Jahre.

Über Psychotherapeuten scheint er nicht die allerbeste Meinung zu haben: Nimm zehn Therapeuten und Du hast hundert Ursachen, heißt es an einer Stelle. Er selbst spricht von „genetischer Mitgift, durch Überspanntheiten und Anstrengungen herausgefordert, durch Alkohol und Arbeit verstärkt“.

Der heute 41-Jährige wuchs unter schwierigen Lebensverhältnissen in Bonn auf. Im Buch spricht er von der Verlorenheit seiner Mutter, die mit 17 aus Polen nach Deutschland verpflanzt wurde. Er ist mal hysterisch verhätscheltes, mal vernachlässigtes Einzelkind. Die Mutter lässt sich nach Spielschulden etc. vom Vater scheiden, geht eine zweite Ehe mit einem alkoholkranken Mann mit Hang zu Gewaltausbrüchen ein: „Ich musste meine Mutter immer öfter auf eine ungesunde Weise erst schützen, dann trösten und am Ende emotional bepartnern.“ Kind einer misshandelten Mutter, verlernt er über all das zu sprechen und zieht sich immer weiter in sich selbst zurück … Und das alles auf knapp vierzig kohlebeheizten Quadratmetern im Arbeiterviertel. Es ist die Intelligenz, das Talent, das Stipendium, das ihm heraushilft, es sind die Freunde, die ihn retten. So nach dem Suizidversuch, der ihn in die geschlossene Psychiatrie des Berliner Urbankrankenhauses führt.

Er kommt ‘raus – und wird rückfällig, uneinsichtig. Freunde bringen ihn in die Charité, wo er sich kurz darauf selbst entlässt, ein Jahr ging es so. Ein Erfolgsjahr wohlgemerkt. Er ist für drei Preise nominiert, u.a. für den Ingeborg-Bachmann-Preis. Endlich wird er von der so ersehnten, ungewohnten Zustimmung getragen – die ihn in seinem Wahn bestätigt.

Manisch mailt er. Es gebe keine Kommunikationsform, die für den gemeinen Maniker verführerischer und verhängnisvoller wäre, sagt Melle. Die ersten Freunde geben auf. Das Geld geht aus. Umzug – jede Manie brachte mindestens einen Umzug mit sich.

Melle beschreibt nicht nur seine Manien, deren Auswüchse, die Scham des Erwachens. Er reflektiert auch das System. Die Frage etwa, wie Verrückte vor sich selbst zu schützen sind (und wie andere vor ihnen). Und verweist auf „die Unschärfe der gesetzlichen Lage“: Die Grenzen zwischen Hilfeleistung und Übergriff seien fließend, schreibt er. Und die Bürokratisierung der Hilfestellungen „mengt dem ganzen Komplex so viel Willkürliches und Unmenschliches bei …. Doch wie soll man es anders lösen?“

Nach der ersten Manie 1999 habe er sich noch völlig regeneriert gefühlt, schreibt Melle, nach der zweiten Manie blieb „eine Grundzerstörtheit“, die er nicht mehr losgeworden sei. Er lernt, genauester Beobachter seines Selbst zu sein. Das Bedürfnis, einfach liegenzubleiben: verdächtig. „Nur drei Tassen Kaffee später dann das leichte Fieber, die erfreute Hektik – die Amplituden der Affekte sind noch immer da, noch immer findet im Kleinen dieses krankheitstypische Auffahren und Niedersinken statt.“ Ausschlafen ist aus gesundheitlichen Gründen geboten. Doch bloß nicht zuviel, „denn sonst ist die depressive Verstimmung da, und die Abwehrreaktion dagegen könnte eine Manie auslösen. Schläft man wiederum zu wenig, droht die Manie gleich unvermittelt. Oh boy“.

Er schleicht die Medikamente aus, um ihn herum heiraten die Leute, begründen Zukunft mit Kindern und Struktur. Und bei Melle? „Bei mir gab es nicht einmal Gegenwart“.
Und dann wieder ein Rückfall. In London sitzt er am Flughafen fest, ohne Geld. Setzt das manische Leben in Deutschland fort. Schreibt seinen eigenen Nachruf in seinem Blog. Manipuliert seinen Wikipedia-Eintrag dahin gehend, dass er in Leipzig von einem Polizisten erschossen worden sei. Vielleicht ein Hilfeersuchen des Unterbewussten? Jetzt liegt jedenfalls Eigengefährdung vor, Freunde alarmieren die Polizei. Ruhigstellung im Urbankrankenhaus. Hochdosiert Haldol und anderes. Absurderweise gehört dieser Aufenthalt zu den erträglichsten seiner vielen, sagt er. Er hat positive Erinnerungen an drei Mitpatienten. Hört hier den „besten, schlichtesten Satz, den ich in meiner ganzen Krankenhausgeschichte aus dem Mund eines Arztes gehört habe: ich hätte diese Krankheit, und diese Krankheit stelle mir manchmal ein Bein und das sei scheiße“.

Und doch: er haut wieder ab, verfällt einer neuen Manie. Ruiniert sein Restleben. Unter anderem ruiniert er seinen Ruf – bei seinem Erstverlag Suhrkamp und über Facebook in der gesamten Öffentlichkeit. Er schreibt Sachen, die er sonst nicht schreiben und tun würde, die ihn aber, wieder „normal“, weiterverfolgen. „Wie klarmachen, dass ich es war der diese Dinge tat, dass ich es aber auch nicht war?!“

Ein Ausweg wird ihm im St. Hedwig-Krankenhaus gewiesen. Dorthin, in die Suchtstation, hat den nunmehr mittel- und wohnungslosen Melle eine Freundin vermittelt. Lithium habe keine Lobby, sei so billig, werde nicht von der Industrie gepusht. Das überzeugt den Schriftsteller. Monate später nimmt er Lithium – nachdem er zuvor in einem Übergangsheim landete. Wissend, dass es nunmehr Jahre brauchen würde, „bis ich mich aus Schuldenberg und Sozialfalle herausarbeiten könnte“.

Manchmal hat er so wenig Geld, „dass ich mir Maggi in den Rachen schüttete, einfach, um den Geschmack von Nahrung im Mund zu haben“. Es folgen: Mahnungen, Drohungen, Inkassobriefe, Vollstreckungsbescheide. Der Verlegerin darf er sich nicht mehr nähern.
Sein Agent hält ihm die Stange, besucht ihn regelmäßig. Melle, der dringend Geld braucht und viel fürs Theater schreibt, lebt und arbeitet unter Medikation. Diese wandere in die Sätze ein, dringe bis in die Struktur hinein, hemme die Wortwahl, meint er. Denn: Er gebraucht Wörter wie einigermaßen, vielleicht. Er diagnostiziert bei sich „Vorsicht vor dem großen Gefühl“, denn die Medikation kappe die Spitzen, „im Leben wie im Schreiben“. Er weiß, dass nur hypomanische, also leicht überdrehte Autoren, während ihrer Schübe Les- und Spielbares produzieren können. „Die Medikamente retten mir das Leben. Aber um welchen Preis?“ fragt er sich. Wenige Seiten später die Erkenntnis: „Die Krankheit mag mich gebrochen haben. Vielleicht hat sie mich aber auch, gegen meinen Willen, erst zum Schriftsteller gemacht.“

Eine Liebe, Ella, hilft ihm aus dem Schlimmsten. Er bekommt eine neue Wohnung (Betreutes Wohnen), die Manie, die über ein Jahr andauert, ebbt ab. Weil Ella ihn darum bittet, nimmt er nun, genau, Lithium. Und „innerhalb von Tagen zerfiel das längst verknöcherte Wahnkonstrukt, das ich fast anderthalb Jahre lang mit mir herumgeschleppt hatte … Gefühle erstickten endlich. Plötzlich war die Wohnung eine normale Wohnung, Männer waren Männer und Frauen Frauen, und ein Gedicht war verdammtnochmal nur ein Gedicht.“

Doch die Realität ist niederschmetternd. Kein Konto, keine eigene Wohnung, nur Schulden und Prozesse am Hals. „Ich wurde betreut und war offiziell obdachlos und seelisch behindert.“ Es folgt die Depression, die ihn hinabzieht, „dazu die Gewissheit, mein Leben ein für allemal restlos ruiniert zu haben. Die Trauer ist bis heute Teil von mir. Sie ist zur Grundschattierung meines Lebens geworden.“

Es ist Ella, die nicht ewig bei ihm bleibt, aber die ihn in seiner Depression stützt und hält. „Sie schien da einen Menschen zu sehen, der noch gar nicht da war, oder nicht mehr.“ Später kämpft er mit Lithium-Nebenwirkungen: Akne und Gewichtszunahme, Haarverlust. Es folgen: Umstieg auf Valproinsäure. Schwierige drei Jahre, lebensrettend. Wachsende Kontinuität und Stabilität. Und eine bleibende Angst vor dem Rückfall. Nur nicht zu glücklich sein. Leben mit angezogener Handbremse. „Ich gesundete aber blieb krank.“

2016, letzter Abschnitt. Rückblick. „Meine Krankheit hat mir meine Heimat genommen. Jetzt ist meine Krankheit meine Heimat“, schreibt er. Aber es gehe besser, immer besser. „Jetzt kann alles neu beginnen. Eine Freiheit wächst daher. Die Welt im Rücken werde ich nicht aufgeben“, so Melle am Schluss seines Buches. Der eigentlich ein Versprechen ist. Das Versprechen, am Leben bleiben zu wollen, auch wenn es ihn wieder umhaut. Mögen seine Zeilen ihn dann so beeindrucken wie jetzt seine Leser.
Anke Hinrichs
Thomas Melle: „Die Welt im Rücken“, Roman, Rowohlt Verlag, Berlin 2016, 352 Seiten, 19,95 Euro.