Heilende Klänge

Ein Ensemble unter Leitung von Prof. Jan Sonntag bringt unterschiedliche Klangstäbe live an Patientinnen und Patienten. Foto: Göttsche

Das Projekt Healing Soundscapes will die Atmosphäre in Kliniken und Gesundheitseinrichtungen nachhaltig verbessern. Das Vorhaben ist jetzt um das Teilprojekt Healing Soundscapes live ergänzt wurden – Musiker sorgen in Präsenz für den heilenden Ton.

Krankenhaus – alles andere als ein Bereich des Wohlfühlens. Bereits die Atmosphäre von Eingangs- und Wartebereichen ist oft genauso klamm und fröstelig, wie den meisten Patienten innerlich zumute ist. Selbst bei schwachem Leidensdruck ist Unsicherheit, Sorge oder sogar Angst im Spiel. Stress auf Seiten des Personals und Hektik bestimmen die Atmosphäre – auf der anderen Seite schier endloses Warten in Anspannung.

Alltagssound vielerorts unangenehm laut oder leise


„Es gibt mittlerweile zwar Versuche, diese Atmosphäre über Deko und Einrichtung annehmlicher zu gestalten“, räumt Musiktherapeut Prof. Jan Sonntag ein. Aber der Alltagssound ist und bleibt vielerorts unangenehm laut oder auch leise. Die meist halligen Räume verstärken diese akustische Anmutung. Diese Tatsache ist der Hintergrund für das Projekt Healing Soundscapes (siehe Info-Kasten). Denn Musik und Klang können, so Prof. Sonntag, die Atmosphäre entscheidend verbessern und damit das Wohlbefinden von Patienten – und Personal – fördern. „Sie können die verschiedenen Klinikbereiche aufwerten, Stress mindern und damit zur Genesung beitragen.“

Unaufdringlicher Sound, keine Beschallung

Bei den Healing Soundscapes handelt es sich um elektronische Klanginstallationen, eigens zusammengestellt für den klinischen Einsatz. „Einfache Hintergrundmusik oder Meditationsmusik reichen für den Effekt nicht aus“, so Prof. Sonntag. Erkennbare Melodien können polarisieren (was dem einen gefällt, stößt der anderen sauer auf), nervig langweilen (schon wieder startet das Band von vorn) oder interkulturelle Aversion hervorrufen (je nach geografischer Herkunft). Die psycho-emotionale Wirkung von Musik ist äußerst unterschiedlich. „Darum müssen wir einen schmalen Grat beschreiten. Wir dürfen niemanden stören, um Positives zu bewirken. Wir haben ohne Genrezuordnung neutrale Klänge zu entwickeln.“

Mit Hilfe von KI eigene Klang-Datenbanken geschaffen


Daher greifen die Beteiligten auch auf Hilfe durch Künstliche Intelligenz zurück, für die der Mensch aber den Rahmen gibt. „Wir haben eigene Klangdatenbanken geschaffen, aus denen unsere Multimediakomponisten die Klangräume zusammenstellen“, so Prof. Sonntag. „Die so entstehende generative Musik erfindet sich ständig selbst neu.“ Grundsätzlich dominieren lange, helle und warme Töne. „Die Patienten werden nicht beschallt durch sich wiederholende Klangschleifen, der Klang soll unaufdringlich bleiben.“ An den Soundscape-Entwürfen sind auch Patienten als erste Hörerinnen und Hörer beteiligt. Das Hamburg Universitätsklinikum UKE machte in diesem Projekt den Anfang. „Die Healing Soundscapes ertönen derzeit in der Notaufnahme und im Wartebereich der Strahlenklinik“, so Prof. Sonntag.

Rückmeldungen: positiv und ermutigend

Das Projekt wurde ursprünglich 2014 von Prof. Eike-Christian Debus, Direktor der UKE-Klinik und Poliklinik für Gefäßmedizin, angestoßen. Er selbst spielt Kontrabass und Klavier. Seit 2023 wird das Projekt bis 2027 gefördert. Neben den elektronischen Klanginstallationen gehören auch Modelle raumbezogener Improvisationen dazu, die mit geschulten Musikerinnen und Musikern durchgeführt werden. Die jeweiligen Klangteams rekrutieren sich aus einem großen Pool an Musikern. Die Live-Interventionen sind zwar zeitlich begrenzt, schaffen aber, so Prof. Sonntag, hochwirksame Situationen, die in Erinnerung bleiben. Diejenigen, die es erleben, hätten nachhaltig eine andere, bessere Beziehung zum Raum.


Die Rückmeldungen von Patienten und Mitarbeitenden seien bestätigend und ermutigend. Er nennt einige Beispiele: Eine Station hat ihre Eingangstür geöffnet, um die Klänge vom Flur hereinzulassen. Ein Patient kommentierte den Klang: „Ich fühle mich hier sehr gut aufgehoben.“ Eine Reinigungskraft holte spontan ihren Kollegen herbei: „Das musst du hören!“ Ein Patient hat sogar ein Gedicht über die Healing Soundscapes verfasst.


Mittlerweile zeigen auch andere Klinik- und Gesundheitseinrichtungen großes Interesse an dem Projekt, dazu gehört auch die Asklepios Klinik Harburg. „Wir bewirken keine Wunder, aber wir können dazu beitragen, dass das Krankenhaus mal anders erlebt wird“, zieht Prof. Jan Sonntag ein Fazit.
Michael Göttsche (Erstveröffentlichung in der EPPENDORFER-Printausgabe 2/2026)